Da habt ihr wohl gepennt… Schule in der Pandemie!

Und was ist mit Schule? Südafrika für länger (powered by World Vision Kinder Patenschaft)!

Meine Eltern… oder nein… um ehrlich zu sein, war es meine Mutter… Sie hat bei uns Zuhause immer den Prozess der Veränderung angestossen.

Da gab es viele, tränenreiche Veränderungen, wie z.B. unsere Ausreise vom Osten in den Westen. Damals.

Meine Eltern hatten schon lange vor den Montagsdemos und der Grenzöffnung einen Ausreiseantrag gestellt und sich und auch uns Kinder bewusst den Konsequenzen ausgesetzt, die uns den DDR Alltag erschwert haben. Sie wussten aber wofür und manchmal tut Veränderung richtig weh, bevor es irgendwann gut wird.


  • Veränderung.
  • Lösungsorientiert.
  • Pragmatismus.
  • Minimaler Bürokratismus.


Das ist das, was aktuell fehlt. Das ist das, was schon lange fehlt.

Und wir machen alle mit. Jeden Tag. Selbstoptimierung. Bücher und Apps für jeden und jeden Bedarf.

Bauchgefühl, Lebenserfahrung, Intuition? Ist nicht mehr wirklich gefragt.

Meine Gedanken laufen Sturm. Weil ich eigentlich nicht die sein möchte, die den Zeigefinger hebt und sagt „Hey, das läuft echt beschissen“. Ich fühle mich unter Druck gesetzt, von all denen, die immer wieder darauf hinweisen, wie dankbar wir für einen Staat wie Deutschland sein müssen. Wie dankbar wir für warme Wohnungen und weiche Betten sein müssen. Wie dankbar wir für ein soziales System sein müssen.

Die Augen zu verschließen, hilft aber eben auch nicht weiter. Denn die Pandemie spült unsere Langzeitprobleme nach oben und es wird sich… langfristig… daran nichts ändern.

Im Sommer waren Pflegekräfte und Schulprobleme vergessen. So ist der Mensch eben. Wir sind gereist, wir haben konsumiert und stehen nun vor einem noch größeren Dilemma.

Und auch nach diesem Sommer wird es nicht anders sein. Es ist wie nach der Geburt eines Kindes. Man denkt… das mach ich nie wieder und wenn der erste Schmerz vergessen ist, legt man doch nochmal los.

Um ehrlich zu sein, bin ich fassungslos. Ich bin fassungslos über den Umgang mit unseren Kindern. Die Generation, die unsere Zukunft sein soll, findet einfach nicht statt. Sie findet nicht statt auf ausgelassenen Partys, sie findet nicht statt in Schulklassen… sie existiert faktisch nicht.

Seit Wochen ist der Alltag meines 16jährigen Sohnes von Perspektivlosigkeit geprägt und nach fast einem Jahr Pandemie, fällt es mir als Mutter, sehr schwer noch Perspektiven aufzuzeigen. Abgesehen davon bleibt nur wenig Zeit um ihn aus seiner „Höhle“ herauszuholen.

Es gibt keinen Rhythmus mehr und Schule findet (bei uns) in Form von Wochenaufgaben statt, die an einem Tag abgerockt werden können. Kein Onlineunterricht, keine Struktur, keine Bildung, kaum Kontakt zu Lehrern oder Schulfreunden.

Ab kommender Woche bin ich in einem Vollzeitjob unterwegs und so was, wie „Kontrolle“ ist gar nicht mehr möglich. Das macht mir Angst.

Ich bin ein sehr hoffnungsvoller Mensch. Meine Schwester würde sagen „Frohnatur“. Und so bin ich auch durch die letzten Monate gekommen… voller Vertrauen in unsere Politik. Ich wollte nicht alles in Frage stellen, denn schließlich ist diese Pandemie für uns alle neu und es gibt keine Bedienungsanleitung.

Nun ist es aber so, dass von allen Flexibilität gefordert wurde. Und ich kenne so unglaublich viele Menschen, die genau das waren (und immer noch sind). Die sich flexibel auf die Rahmbedingungen eingestellt und gehandelt haben, um nicht unterzugehen.

Ich wollte nie Onlinekurse geben und tat es dann doch… wie so viele meiner Kolleginnen und Kollegen. Alle dachten um in Lichtgeschwindigkeit. Umgesetzte Hygienemaßnahmen. Gewächshäuser, die in Restaurants für Abstand sorgen. Lieferdienste, die es sonst nicht gab.

Tatsächlich würde ich behaupten, der Großteil von uns gab sein bestes. Der Großteil von uns ging auf Abstand, feierte keine großen Partys und trug Masken. Und ich hätte nicht gedacht, dass die Politik mich auf diesem Weg verlieren würde, aber genau das ist passiert.

Die Regelungen ändern sich immer noch so schnell, dass ich gedanklich manchmal gar nicht hinterherkomme. Die Schulen sind geschlossen… ach nein sind sie doch nicht. 15 km Bewegungsradius gelten laut unserer Kanzlerin für den Wohnort, aber in Sachsen für die Wohnadresse. Ich blicke nicht mehr durch. Demokratie hin oder her… dieser Föderalismus macht mich gerade noch ganz verrückt.

Fakt ist doch… und wenn ich mich recht erinnere, posaunen das unsere Politiker auch immer wieder selbst hinaus… die Pandemie bleibt uns noch eine ganze Weile erhalten.

Wie wichtig wäre also bitte eine Langfriststrategie für unsere Schulen? Eine länderübergreifende Strategie? Was ich aber sehe ist purer Aktionismus.

Wir wissen doch nicht wirklich wie es weitergeht? Wir wissen nicht, wieviele Menschen bis zum nächsten Winter geimpft sind. Wir wissen nicht, ob wir ab kommenden Herbst wieder die gleichen Probleme haben.

Wir wissen, dass wir nichts wissen und sich einzig und allein auf den Impfstoff zu verlassen, kann doch nicht der richtige Weg sein. Es ist grob fahrlässig.

Kommen wir zurück zum Thema Flexibilität. Denn die fehlt beim Thema Schule und die fehlt in der Pflege und ganz sicher noch an ganz vielen anderen Stellen, die aber so unglaublich wichtig sind.

Gute Bildung hängt gerade von ambitionierten Lehrkräften ab, die sich gegen Vorgaben stellen, nicht auf irgendwelche Zugeständnisse der jeweiligen Ministerien warten und einfach machen. Gute Bildung hängt aktuell von Lehrkräften ab, die für ihren Job leben und denen unsere Kinder nicht egal sind. Sie laufen gegen verschlossene Türen und lehren teilweise online, ohne den Segen der jeweiligen Vorgesetzten.

Es ist unglaublich, wie unterschiedlich Unterricht aktuell angeboten wird. Mich haben dazu hunderte Nachrichten auf meine letzte Instastory erreicht.

Eine meiner Followerinnen schickte mir ein Bild des „Wochenplans“ vor Weihnachten. Das lässt einen mutlos zurück. Dieser Wochenplan der Lehrerin hat nicht mal das Wort „Plan“ verdient. Es war lediglich eine Anweisung zum Lesen verschiedener Kapitel.

Die negativen Rückmeldungen übersteigen positive Erfahrungen im Corona-Schulbetrieb um ein Vielfaches.

Seit Montag sind in Sachsen die Ferien vorbei. Ups… was für eine Überraschung. Es war vermutlich jedem klar, dass der Lockdown weitergeht und ich halte es für fragwürdig auf den 31.01. zu bauen, wenn es um mögliche Schulöffnungen geht. Laut RKI Chef sind erst ab dem 17.01. die Corona Zahlen wieder repräsentativ.

Es gibt weitere Kontaktbeschränkungen, wir kennen mögliche Auswirkungen dieser Mutation nicht und parallel öffnet Sachsen (das Bundesland mit der höchsten Inzidenz) am 18.01. die Schulen für bestimmte Klassen. Ja… mit Sicherheit in guter Absicht… aber wie zur Hölle passt das zusammen?

Die Ambitionen sind klar und nachvollziehbar, aber speziell die Abschlussklassen können sich sehr gut online behelfen und brauchen keine Dauerbetreuung Zuhause.

Ich kann diese Regelungen kaum noch ernst nehmen. Auf der einen Seite beschränke ich mich auf jede erdenkliche Art, darf mich nur in einem 15 km Radius bewegen und im gleichen Atemzug fahren in Kürze wieder eine Reihe von Kindern quer durch die Stadt mit den Öffis.

Was mir fehlt… schon lange fehlt… ist eine konsequente Umsetzung der empfohlenen Vorgaben. Stattdessen kocht jeder weiter sein eigenes Süppchen. Die Kanzlerin hat gesprochen und nur Sekunden später gibt es unzählige Pressekonferenzen und die Ankündigung von „also ich mach es aber für mein Bundesland anders“. Als würde Corona an Landesgrenzen nicht existieren.

Immer mehr entwickelt sich die Pandemie zu einer Schaubühne des anstehenden Wahlkampfes. Die gestrige Pressekonferenz hat mich zum ersten Mal beschämt. Sie war gut gefüllt mit Selbstbeweihräucherung und Augenwischerei.

Anstatt auf vernünftigen Online-Präsenzunterricht zu setzen, kürzt man kurzer Hand Ferien, verlängert an anderer Stelle und hält das tatsächlich für einen Lösungsansatz? Wem genau hilft das denn? Den Schülern ganz sicher nicht. Ganz im Gegenteil… dahinter steckt wieder ein unglaublicher Verwaltungsakt, der Ressourcen bindet, die an anderer Stelle so dringend gebraucht werden.

Ich würde ja meine Klappe halten, wenn es Deutschlandweit so beschissen laufen würde… Fakt ist aber, es gibt Schulen, da funktioniert das und das sind nicht nur Privatschulen. In der Regel sind es Schulen, in denen Lehrer, Direktor und Eltern eine Einheit bilden. Es funktioniert dort, wo persönliche Befindlichkeiten keine sind und sich nur auf die Sache konzentriert wird. Die Sache… unsere Kinder und deren Schulbildung und wenigstens ein bisschen Struktur, wenn auch online.

Warum stellt all das ein Problem dar? Warum ruht man sich auf Ausreden aus? Es kann doch keine Rolle spielen, ob es Kinder gibt, die ggf. kein Internet oder technisches Equipment haben. Diese Kinder sind abgehängt… egal, ob mit oder ohne Tablet. Diese Kinder benötigen eine besondere Unterstützung. Das steht völlig außer Frage. Aber der Großteil (oder lebe ich so sehr hinter dem Mond?) würde doch erreicht werden?

Kein Lehrer meines Sohnes gibt Onlineunterricht. Die Klasse ist klein. Es ist eine Abschlussklasse. Alle sind Internet-fit und haben zumindest ein Smartphone. Und trotzdem stellt sich keiner der Lehrer per Video vor die Klasse. Warum ist das so? An welcher Stelle hakt es denn nun eigentlich? Warum bekommen große und kleine Unternehmen das hin, aber viele Schulen nicht? Haben wir uns zu Tode reguliert? Sind die Hürden zu groß?

Ich meine… wer sagt denn, dass der Lockdown am 31.01. wirklich zu Ende ist? Großartig wäre das, aber realistisch gesehen… was hat sich denn geändert Anfang Februar? Nichts! Findet wieder mehr Kontakt statt, steigen die Zahlen erneut… und dann? Das ist doch ein fortwährender Teufelskreis. Wir reagieren auf Zahlen, agieren von Fall zu Fall… was aber fehlt, ist vorausschauende Planung, zumindest da, wo es möglich ist.

Und bis sich alles einigermaßen normalisiert hat… steht der Sommer vor der Tür.

Strenge, nachvollziehbare Maßnahmen… ja klar… aber was ist mit einer alternativen Strategie? Bei der so wichtigen Digitalisierung wurde in Deutschland ganz klar gepennt. Zuhause kann ich mir selbst weiterhelfen, nur unsere Kinder sind der Willkür unserer Politik ausgesetzt. Sie sind abhängig von der jeweiligen „Funktionalität“ unserer Schulen und das sorgt für ein nicht hinnehmbares Ungleichgewicht.

Ich verstehe die Problematik der Situation. Eine Pandemie in unserer Zeit, ist für alle eine neue Erfahrung. Wir bauen uns gerade einen Leitfaden und der birgt Stolperfallen. Gleichzeitig spült Corona aber eben auch das nach oben, was schon lange im Argen liegt.

Mit einer meiner Followerinnen hatte ich einen interessanten und konstruktiven Austausch. Sie war unglücklich über meine Äußerung zum Thema Lobby, wenn es um Wirtschaft geht. Sie meinte, ich könne der Wirtschaftslobby keine Schuld geben. Aber das mache ich tatsächlich auch gar nicht. Es ging vielmehr darum, dass die Wirtschaft eine Lobby hat… Schulen haben die aber nicht und auch die Pflege hat nicht wirklich eine Lobby.

Im Übrigen bin ich nicht auf der Suche nach irgendeinem Schuldigen. Vielmehr wäre ich unsagbar glücklich, wenn pragmatische Lösungsansätze Gehör finden und sich ein Hauch von Innovation einstellen würde. Ich hätte 1000 Ideen und auch viele meiner Leserinnen haben unglaublich gute Denkansätze… aber sie verhallen lautlos.

Auch, wenn ich eher eine Frohnatur bin und vertrauensvoll in die Zukunft blicke, so bezweifle ich, dass sich an unseren Schulen und in der Pflege zeitnah etwas ändern wird. Ist die Pandemie vorbei oder zumindest eingedämmt, gerät all das wieder schnell in Vergessenheit. Die letzten Monate haben das eindrucksvoll gezeigt.

Am Ende liegt es allein in unserer Hand, wie wir durch diese Zeit kommen und was wir unseren Kindern mitgeben. Ich möchte meinem Sohn auf jeden Fall mitgeben, dass schwierige Zeiten zwar eine Herausforderung sind, aber das ich trotzdem der Gestalter meines eigenen kleinen Mikrokosmos sein kann.

Ich habe lange überlegt, ob ich dazu überhaupt etwas schreibe. Eigentlich ist es mir ein Bedürfnis über schöne Dinge zu erzählen, denn es ist ja eh schon schwierig genug und aktuell können wir nichts ändern und seien die Ansätze auch noch so gut. Realistisch gesehen, hört uns nicht wirklich jemand zu.

Aber ich glaube, es ist wichtig diesen Text hier zu veröffentlichen. Zumindest lässt mich das all Euer Feedback glauben. Dabei geht es gar nicht darum den Finger in Wunden zu legen, sondern lediglich um Austausch und das Gefühl nicht alleine zu sein. Das zu wissen… macht es manchmal leichter.

Deutlichere Worte findet übrigens Sascha Lobo im aktuellen Spiegel Artikel. Wirklich sehr lesenswert.

Und diesen Link schickte mir eine Leserin. Auch dieser Artikel ist absolut lesenswert.

An Euch geht auf jeden Fall ein dickes Dankeschön. Mich persönlich fängt unser virtuelles Dasein hin und wieder auf… es ist ein bisschen der Ersatz für persönlichen Kontakt.

Bleibt mir noch folgender Schlusssatz:

Stell Dir vor, es wäre Pandemie und wir hätten kein Internet.

Wir lesen uns spätestens am Samstag wieder… ich hab nämlich einen Dekosamstag für euch im Gepäck.

Nachtrag: Gestern ist mir zum Thema Schule eine sehr gute Reportage der Tagesschau über den Weg gelaufen. Ich musste wirklich manchmal tief schlucken und bin berührt über das Engagement verschiedener Schulleiter, Dezernenten und Lehrer.

Die Reportage bestätigt das, was ich hier geschrieben habe. Ihr findet sie hier.


Eure Andrea

3 Kommentare

  1. Jacqueline Stier
    6. Januar 2021 / 23:04

    Andrea du bist reif für die Politik 🤗 im positiven Sinne, ein mega Beitrag
    Obwohl mein Sohn (27) längst raus ist aus dem Schulalltag kann ich die Ängste und Sorgen der Eltern gut verstehen und du bringst es sowas von auf den Punkt

  2. Sabine
    7. Januar 2021 / 14:07

    Hallo Andrea…Danke für die wahren Worte…nicht jeder traut sich in diesen Zeiten unsere Politik und das Schulsystem zu kritisieren. Wir werden noch lange mit diesem Virus leben müssen…wer sagt uns,wann und wie lange diese Impfung vorhält und ob nicht bei der nächsten Mutation diese Impfung wirkungslos ist! Das hört sich jetzt hart an aber…. unsere Kinder sind die Zukunft und nicht die Alten und Kranken und wir müssen wieder lernen, dass der Tod zum Leben dazugehört! Vlg Sabine

  3. Maria
    19. Februar 2021 / 9:03

    Hallo Andrea,
    ein in Artikel der mir voll aus dem Herzen spricht! Auch ich habe ein Schulkind (6.klasse) und bin arbeiten und das zum Glück nicht Vollzeit! Bin sehr froh das ich nur noch ein Schulkind habe!
    Diese Hoffnungslosigkeit was die Bildung der Kinder angeht ist unfassbar groß. An unserer Schule wird das Onlinelernen leider auch sehr schlecht umgesetzt. Teilweise ist es so viel das nur abgearbeitet werden kann und Konferenzen die gibt es einfach nicht. Die Kinder sind auf sich allein gestellt!
    Was soll nur aus unseren Kindern werden, ohne Bildung, ohne Struktur …Bildung Ist so wichtig.
    Was passiert mit Kindern deren Eltern ihren Kindern keine Struktur geben oder ihnen schulisch nicht beistehen bzw. nicht beistehen können?
    Dein Artikel ist unglaublich wichtig in der momentanen Situation/Zeit! Danke dafür.
    Alles liebe
    Maria

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