Lebst du schon oder existierst du (nur) noch…

Lebst du schon oder existierst du (nur) noch...

Vor ein paar Tagen hatte ich einen Anruf. Ich freute mich sehr darüber und merkte, wie ich richtig ins plappern kam und wie gut mir das tat. Kurze Zeit später wurde das Gespräch unterbrochen, wegen eines wichtigeren Telefonats und dabei blieb es dann auch…

Ich bin dünnhäutiger geworden. Woran ich das merke? Ich konnte Stunden später nicht einschlafen, weil es mich so fertig machte. Einerseits die Freude über das Telefonat und nur 5 Minuten später existierte ich nicht mehr.

Ich war bisher sehr gut darin diese Dinge wegzuwischen. Wohlwollend drüber hinwegzusehen. Menschen und Beziehungen in ihren Eigenarten einfach anzunehmen und sie eben nicht in ihre Bestandteile zu zerpflücken. Es fällt mir zunehmend schwerer und ich versuche immer noch herauszufinden, woran das liegt. Ist es wirklich die Pandemie oder ist es eine völlig normale Begleiterscheinung meiner persönlichen Lebensumstände?

Es ist doch so… wenn man noch nie in dieser oder jenen Situation gesteckt hat, dann kann man sie auch nicht wirklich nachempfinden. Das liegt in der Natur der Sache. Man hat eine Vorstellung… mehr aber auch nicht.

Ich fühle mich zunehmend, wie eine Randerscheinung unserer Gesellschaft und mir wird immer klarer, was es eigentlich bedeutet, kein Teil des großen Ganzen zu sein.

Als starke Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, ist Fluch und Segen gleichermaßen. Du wuppst dein Leben komplett alleine und signalisierst offenbar „nichts und niemanden zu brauchen“. Und ja das ist auch so… mein Leben ist exakt so organisiert, als würde ich nichts und niemanden brauchen… weil das Gefühl von Hilflosigkeit, für mich, mindestens genauso unerträglich ist… also lasse ich es gar nicht erst zu.

Ich habe ein Problem damit meine Rolle zu finden. Meinen Platz. Ohne festen Partner an der Seite, fällt man irgendwie durchs Raster.

99 Prozent meines Freundeskreises lebt in festen Partnerschaften und ich finde mich dort einfach nicht mehr so wirklich wieder. Ich fühle mich ganz oft, wie eine Momentaufnahme, aber eben kein Teil davon und ziehe mich mehr und mehr zurück.

Die Ironie ist ja, dass es meine bewusste Entscheidung ist… keine Partnersuche, Single sein zu wollen. Ich kann nicht über eine Suche berichten, der ich gar nicht nachgehe.

Ich möchte aber keine Momentaufnahme sein, nur weil mein Weg ein anderer ist. Mein Wert definiert sich nicht über einen Menschen an meiner Seite.

Ein Hand voll Frauen in meinem Leben, hat ganz ähnliche Entscheidungen getroffen und sie kämpfen mit identischen Problemen. Manchmal fühlt sich das an, wie die Gruppe der „Merkwürdigen“. Die, die ohne Partner auf die Tanzfläche gehen und einfach lostanzen… alleine.

Natürlich kann ich stolz auf mich sein, nur manchmal fehlt eben einfach ein echter Gesprächspartner.

Seit 5 Jahren bin ich alleinerziehend und manchmal gibt es Situationen, die einfach beschissen sind. Und im Normalfall spricht man dann mit seinem Partner darüber oder man bildet eine geschlossene Einheit im Rahmen der Erziehung. Ich kann niemandem ein Ohr abkauen, wenn mich das Leben einholt. In der Regel, mache ich das mit mir selbst aus und verliere kein Wort darüber. Vereinfacht gesagt… kann ich kein Sorge teilen und auch keine Freude… es verhallt im Zwiegespräch mit mir selbst und das macht mir ganz oft Angst.


Warum Angst?


Na, weil es sich so normal anfühlt und weil ich menschlichen Bindungen mehr und mehr aus dem Weg gehe. Nicht mal bewusst… es passiert einfach, weil mir der Schmerz, der damit verbunden ist, meist zu anstrengend ist.

Ist es zu gewagt? Der Wunsch danach, dass sich das Leben leicht anfühlt? Wenn man das laut ausspricht, gehört man zur Kategorie der Jammernden und zu denen, die das privilegierte Leben nicht zu schätzen wissen.

Aber ist dieses… ach so privilegierte Leben… nicht einfach oft genug auch nur ein schöner Schein? Eine Fassade, in der die Heizung wärmt und das Wasser aus der Dusche läuft… mehr aber auch nicht?

Alles fühlt sich nur noch nach Funktionieren an, aber eben nicht nach Leben. Sind wir wirklich nur dazu da, täglich unserer eigenen Existenz hinterherzujagen um irgendwie ein Teil der Masse bleiben zu können? Ein Rad, was einfach nicht still stehen will?

Vielleicht ist es das, was die Welt gerade von uns verlangt. Stillzustehen. Als würde sie rufen „hey, ich brauche eine Pause… ihr seid zu schnell“. Und ich fühle mit ihr… also mit unserer Welt… weil es sich für mich genauso anfühlt. Alles ist möglich. Es gibt nichts, was es nicht gibt und ich fühle mich förmlich überschüttet mit Konsumgütern im Überfluss. Heute stand ich vor einem Regal bei dm, was vollgepackt war mit Mehl und ich war überfordert wegen der ganzen Sorten. Brauchen wir das wirklich alles? Und was passiert damit, wenn es keiner kauft?

Gestern Abend im Bett nahm ich mir Zeit weiter in meinem Buch von Glennon Doyle zu lesen… (auch, wenn ich den Hype darum nicht ganz verstehen kann, denn inhaltlich sind die Bücher von Brené Brown um Welten besser).

Jedenfalls schreibt sie eine Anekdote über ihre Tochter und Eisbären. In der Schule hatten die Kinder erfahren, dass es schlecht steht um die Eisbären, aufgrund der globalen Erwärmung.

Glennons Tochter Tish nimmt das furchtbar mit und über lange Zeit gibt es nur dieses eine Thema und den Gedanken daran, was man denn tun kann um die Eisbären zu retten.

Irgendwann ist Glennon in ihrer Rolle als Mutter tierisch genervt davon (wir kennen das alle) und dann gibt es diesen einen Moment, abends am Bett ihrer Tochter, der ihr die Augen öffnet. Ich möchte das gern hier zitieren:


Sobald sie die Geschichte von den Eisbären hörte, ließ sie das Gefühl von Entsetzen in sich zu, das Wissen um die unglaubliche Gerechtigkeit, und sie stellte sich die unausweichlichen Folgen vor. Tish ist empfindsam, und das ist ihre Superkraft. Das Gegenteil von empfindsam ist nicht mutig. Es ist nämlich nicht besonders mutig, sich einfach zu weigern, zuzuhören, wegzusehen, etwas nicht zu fühlen und zu wissen und sich vorzustellen. Das Gegenteil von empfindsam ist empfindungslos, und damit schmückt man sich nicht.


Seit März fühle ich mich ganz oft doof. Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll. Ich fühle mich doof, weil ich keinen Bock habe, aus dieser Pandemie Situation die kleinen positiven Dingen herauszuziehen, um mich mental über Wasser zu halten. Weil ich stattdessen darüber nachdenke, was schiefläuft und warum und was man daran eigentlich ändern kann.

Es fühlt sich alles falsch an… Werbung, Reisen, Konsum. Vergangene Woche habe ich aus „Langeweile“ einen Schal, eine Mütze und einen neuen Nachttisch gekauft. Online. Ich habe alles wieder storniert.

Ich kann nicht mal sagen, ob ich wieder zurück zu unserem „vor der Pandemie Leben“ will. Es ist zu früh für eine klare Entscheidung im Kopf. Ich brauche dafür noch etwas Zeit.

Um unsere Welt mache ich mir Sorgen und dieses Gefühl verstärkt sich von Jahr zu Jahr und langsam brennt etwas in mir. Es ist die Flamme des Umdenkens… der Veränderung… dem Wunsch nach Sinnhaftigkeit. Es sind nur sehr wenige Menschen, die meine Pläne und Gedanken dazu kennen.

Als in Dänemark Millionen Nerze getötet wurden, hab ich geweint. Es hat mich schockiert. Wie kann das sein? Wie können wir Menschen so was zulassen? Wir züchten Tiere für Luxus und dann werden sie abgeschlachtet und mit Baggern in Gruben geschüttet. Was zur Hölle ist nur los mit uns?

Vor 2 Wochen kam in den Nachrichten, dass mit der Rüstung mehr Geld verdient wurde, als in den Jahren zuvor. WHAT???? Warum? Wer braucht denn eigentlich Bomben und Waffen? Es tut mir leid, aber das übersteigt einfach meinen Horizont und will nicht in meinem Kopf hinein. Warum zur Hölle ist das eigentlich so? Warum schützen wir uns mit Waffen gegen andere Länder? Warum gibt es eigentlich überhaupt Krieg? Aber ich brauche mich nur umzusehen und wahrzunehmen, was mit unserer Gesellschaft passiert, innerhalb weniger Monate einer Pandemie… Wir Menschen sind so.

Ich versuche mich ganz oft daran zu erinnern, warum es mir zu Beginn des Jahres in Südafrika so gut ging. Es war diese Leichtigkeit des Seins. Das Gefühl von „weniger ist mehr“. Das Miteinander der vielen verschiedenen Kulturen hat sich gut angefühlt und das ohne große Verpflichtungen. Es hat sich angefühlt, als hätte ich dort meinen Platz… meine Rolle gefunden.

Seitdem ich wieder in Deutschland bin, fühle ich mich mehr und mehr verloren und ich kämpfe täglich dagegen an und es will mir einfach nicht so richtig gut gelingen. Ganz sicher ist das eine Begleiterscheinung dieser Pandemie… vielleicht ist es aber auch einfach nur Lagerkoller und im Dezember 2021 kann ich über das, was ich hier geschrieben habe, nur den Kopf schütteln.

Manchmal versuche ich mich einfach zu beruhigen und hoffe auf ein neues Jahr voller Leben und Lachen. Eins mit Konzerten, auf denen ich hüpfen und laut singen kann. Eins mit Veranstaltungen ohne Abstand. Laue Sommernächte mit ausschweifenden Partys und Kopfschmerzen am nächsten Tag. Sex ohne Verpflichtung.

Hättest du mich am Anfang des Textes gefragt, ob ich lebe oder nur existiere… dann wäre es Letzteres gewesen. Am Ende dieses Textes jedoch, fühle ich mich wieder deutlich lebendiger.

Wie war noch mal der Rat der Therapeutin an Dr. Watson? „Wenn es ihnen wieder besser gehen soll… schreiben sie doch einfach einen Blog“…

Bis bald…


Eure Andrea

4 Kommentare

  1. Alexandra
    17. Dezember 2020 / 6:29

    Du sprichst mir aus der Seele.

    In einer Zeit des Abstandes, ist es vielleicht eine Annäherung.
    An Wichtiges, Füllendes, an Echtes.
    An Spürbares, Wärmendes, an uns.
    So mainstream und hip das auch immer klingt,
    so leise meine ich das.

    Du flüsterst mir ein Lächeln ins Gesicht.

    Weil in einer lauten Welt mir mittlerweile das Leise so viel mehr gibt als lauter Schein.

    Rückzug, weil man sich zurück zieht und einen kleineren Kreis an Liebsten hat?
    Ich nenne es „so.shhh.l.this.dancing“ und stehe zu meinem Takt.Gefühl.

    Liebe Grüße
    Alexandra

  2. Susanne
    18. Dezember 2020 / 9:51

    Hallo Andrea,
    Ich finde solche Gedanken ganz normal, weil wir gerade in dieser Zeit nicht mehr so viele Möglichkeiten zum Ablenken haben. Sonst ist gerade die Vorweihnachtszeit geprägt durch Stress auf der Arbeit, Geschenke, Vorbereitungen für Weihnachten, treffen auf dem Weihnachtsmarkt, Weihnachtsfeiern….
    Dieses Jahr ist das ein bisschen infrage gestellt, auch ich überlege mir, ob ich wirklich alles aus meinem „alten Leben“ wiederhaben will. Und glaub ja nicht, dass in Ehen solche Probleme mit Kindern einfacher sind, ich war vor meiner Trennung mit meinem Mann nie einer Meinung, was Erziehung angeht, und reden über so was konnte ich mit ihm auch nicht. Das war für mich alleine nachher deutlich einfacher.
    Was ich gut verstehe ist, dass es anders ist, wenn man Single ist, das bin ich inzwischen nicht mehr, war es aber lange. Da ist die jetzige Zeit sicherlich nicht so förderlich, was das eigene Selbstbewusstsein angeht, weil sich alle anderen in ihre Zweierbeziehungen zurückigeln. Und dann ist es auch nicht immer einfach, alles positiv zu sehne, weil es im Moment auch nicht so ist, dass alles positiv ist. Ich denke, es wird wieder besser, wenn die Tage länger werden, wenn die Impfungen hoffentlich helfen und nicht die Inzidenzzahl das erste ist, was morgens alle interessiert.
    Liebe Grüße
    Susanne

  3. 20. Dezember 2020 / 21:15

    Ich ertappe mich selbst immer dabei, wie ich immer versuche aus der Lage das Positive zu ziehen. Manchmal klappt es richtig gut, manchmal wiederum einfach nicht. Aber ich lasse mich davon nicht stressen. Denn es ist wie es ist. Mal kämpfen ich da an, und manchmal lasse ich es. Wo ich mich anfangs noch schlecht fühlte deswegen, kann ich inzwischen super damit umgehen

  4. 1. Januar 2021 / 11:47

    Liebe Andrea, deine Worte berühren mich sehr und fast drücke die aufsteigende Feuchte weg. Aber nur fast. Ich lasse es zu… Du schreibst, als würden diese Zeilen selbst aus mir kommen. Gefühlt 1:1. Kann ich das alles sehr gut nachempfinden, weil ich in ähnlicher Situation bin….
    Danke, dass du es geschrieben und dadurch zugänglich machst für jeden, der „zufällig“ auf deinen Blogeintrag stößt.
    Ping hat es gemacht, als ich las ‚dein Wert definiert sich nicht über einen Menschen an deiner Seite‘. Wow, das war es, was ich gebraucht habe. Welch ein erstes und mein bestes Neujahrs-Highlight. DANKESCHÖN.
    Kraft und Mut, Leichtigkeit und Lachen, liebevolle Menschen und die besten Lösungen für all die täglichen Herausforderungen sollen deine Begleiter für 2021 sein.
    Herzlichst, Dana

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