Zukunftspaket #1

Kolumne dreiraumhaus Zukunftspaket

Vor ein paar Wochen habe ich mit Bine zwei neue Podcasts aufgenommen und nicht veröffentlicht. Ich kann gar nicht so richtig sagen warum, aber es ging sehr viel um Corona und irgendwie nahm das sehr viel Raum ein… vielleicht ein bisschen zu viel.

Wir waren uns einig darüber, dass uns die eigentliche Herausforderung noch bevorsteht. Nämlich dann, wenn die Zeit des Lockdowns vorbei ist. Wenn ein Großteil von uns wieder am Start steht und losläuft. Denn erst jetzt können wir sehen, welche Konsequenzen die vergangenen 3 Monate mit sich bringen.

Die Zeit des riesengroßen Zusammenhalts ist längst vorbei. Im Augenblick der Schockstarre gab es das große Gemeinschaftsgefühl. Fast alle saßen im gleichen Boot, also gab es fast keine Möglichkeit sich mit Ungerechtigkeiten zu beschäftigen… fast alle waren gleichermaßen betroffen. Das macht es im Miteinander deutlich einfacher. Zumindest erstmal.

Aber jetzt geht es um was. Es geht um Jobs. Um Geld. Um Existenzen. Nicht für jeden, aber für viele. Das sorgt für Ellenbogen in unserer Gesellschaft. Jeder möchte überleben. Wir gucken nach links und rechts, vergleichen, bewerten, fühlen uns ungerecht behandelt.

Meine Intension des Schreibens hat sich in den letzten 2 Jahren verändert. Mein größter Wunsch ist es, dass ich es schaffe Mut zu machen sich den eigenen Ängsten zu stellen. Ängste, die ich täglich selber mit mir herumtrage und denen ich immer wieder die Stirn bieten muss.

Als ich die ersten Wochen, nach meinem bestandenen Führerschein, zum Auto ging, war mir jedesmal schlecht. Ich setzte mich auf den Fahrersitz, atmete tief durch und brauchte ein paar Minuten bis ich den Motor anließ. Ich zwang mich jeden Tag zu fahren. Vor meiner ersten Fahrt (alleine) auf die Autobahn war ich nassgeschwitzt. Meine Hände schmerzten, weil ich das Lenkrad so verkrampft festhielt. Aber ich fuhr jeden einzelnen Tag und es wurde besser. 5 Monate später ist die Angst vollkommen weg.

Corona hat mich im März kalt erwischt. Ich kenne eigentlich niemanden, der keine Existenzängste mit sich herumträgt, aber diese Situation war eine Ausnahmesituation. Alle Aufträge brachen weg und über Events, Workshops und Co. brauchen wir gar nicht erst sprechen. Und eine Zeit lang konnte man keinerlei Prognosen abgeben und das ging ganz vielen von uns so. Ich glaube, das machte es auch so schwer und intensivierte eine, an sich, völlig normale Urangst… nämlich die Angst um die eigene Existenz und diese wiederum definiert jeder von uns selbst.

Links und rechts ging das Leben irgendwie weiter. Viele meiner Kolleginnen explodierten förmlich und nutzten die Chancen, die sich auftaten. Das hat zwischendurch für ganz schön Selbstzweifel bei mir gesorgt. Während es um mich herum immer lauter wurde, wurde ich immer leiser und irgendwann habe ich mich einfach angenommen. Die Stille mit mir war wichtig und notwendig. Es war eine Auseinandersetzung mir selbst.

Diese Ausnahmesituation bot mir persönlich die Chance innezuhalten und sich auch nochmal mit dieser Existenzangst auseinanderzusetzen. Heißt also, ich habe mich damit beschäftigt Lösungsansätze zu finden, die diese Angst zwar nie ganz ausradieren werden, aber sie darf eben auch nicht diesen massiven Raum einnehmen, weil mich das lähmt beim so wichtigen weitermachen.

Das bedeutet nicht, dass die Lösungsansätze auch zum geplanten Erfolg führen, aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass man sich in den Vorgang der Handlung bringt, denn nur der kann etwas verändern.

Ich verändere nichts, wenn ich mich im Kreis drehe, gucke was die anderen machen, mich vielleicht verunsichern lasse oder sauer bin, weil es hier und dort deutlich besser läuft, als bei mir selbst. Wenn ich an diesem Punkt bin, läuft es bei MIR! schief und nicht bei den anderen.

Sich zu öffnen macht zudem angreifbar und gleichermaßen verletzbar. Und ich kann mich nicht davon freisprechen, dass es mir zwischendurch den Boden unter den Füßen wegzieht. Aber das sind nicht (nicht mehr) die Dinge, die ich erzählen will. Ich möchte über den Weg heraus aus diesen Situationen sprechen. Bine würde jetzt vom Perspektivwechsel sprechen und das ist auch genauso.

Gestern früh wurde ich auf der Hunderunde mal wieder von einem Fahrradfahrer aus dem Weg geklingelt. Nur einen Meter davon befindet sich übrigens ein Fahrradweg. Während ich die Hundeleinen wieder entknotete ärgerte ich mich über diesen Typen und hätte ihn am liebsten vom Fahrrad geschubst. Ein bisschen grummelig machte ich mich auf den Rückweg.

Vor unserer Haustür stand der ungefähr 11jährige Nachbarsjunge. Ich war noch gute 20 Meter entfernt und als ich an der Türe ankam, sah ich das er dort noch immer stand und gewartet hatte um mir die Türe aufzuhalten. Dieser klitzekleine Moment hat mich tief berührt. Ich hab mich bedankt und wusste, dass es dieser Augenblick sein würde, den ich festhalte und nicht diesen blöden Fahrradfahrer. Mit diesem Gedanken im Kopf ging es mir deutlich besser.

Natürlich schützen uns gute Gedanken nicht vor negativen Einflüssen oder persönlichen Überreaktionen. Wichtig ist, sich das immer wieder bewusst zu machen. Das es ein Teil unseres menschlichen Daseins ist. Aber eben auch ein Teil, dem man bewusst entgegentreten kann.

In der Pressekonferenz zum Konjunkturpaket sprach unsere Bundeskanzlerin vom „Zukunftspaket“. Ich mochte dieses Wort sofort und habe es nun – ganz frech – hier eingebaut. Mein Leben ist nämlich gerade ein einziges Zukunftspaket. Es gibt immer noch ganz viele feste Komponenten und es gibt so verdammt viele Variablen und ich habe null Ahnung, wie die Summe aussehen wird und das ist auch nicht mein Anspruch.

Unsere Welt ist nämlich gerade ein bisschen verrückt. Die Pandemie hat viele Ängste, Sorgen und damit verbundene Emotionen freigesetzt. An der ein oder anderen Stelle liegen die Nerven völlig blank. Man muss nur mal einen Blick Richtung USA oder Südamerika werfen. 2020 ist in jedem Fall sehr besorgniserregend und das möchte ich keineswegs kleinreden. Nicht alles lässt sich ausschließlich mit positiven Gedanken bekämpfen. Ich schrieb es bereits weiter oben… wirklich wichtig ist der Vorgang des Handelns und auch den darf wiederum jeder für sich selbst definieren.

In meiner Wahrnehmung habe ich es als sehr befremdlich empfunden, dass die Aktion mit den schwarzen Kacheln gegen Rassismus wieder mal für ein Gegeneinander gesorgt hat. Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass es Menschen gibt, die sich solidarisieren und dafür angegriffen werden? Muss man wirklich die Energie darauf verschwenden? Könnte man genau diese Energie nicht besser einsetzen?… Anstatt zu meckern und schlaue Reden zu schwingen, einfach eine Aktion ins Leben rufen, die einem mehr entspricht als schwarze Kacheln auf den Social Media Kanälen… zum Beispiel? Das wäre doch mal ein Ding oder?

Wir könnten so verdammt viel für unsere Welt bewegen, wenn wir uns nicht ständig damit beschäftigen würden auszuteilen, zu bewerten und uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Ein alter Hut. Wir alle wissen es besser, fallen aber immer wieder in die gleichen, alten Muster zurück. Jeder von uns. Ich auch.

Deswegen ist es so wichtig immer wieder daran zu rütteln. An sich selbst. An anderen. Reflektieren, verstehen, versuchen zu ändern. Alles ist besser, als nichts davon.

Ich bin gespannt, was Teil 2 des Zukunftspakets in sich trägt.

Bis bald.


Eure Andrea

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