Wie still darf Stille sein?

Wie still darf Stille sein?

Habe ich mich wirklich danach gesehnt? Nach Stille? Nach wenigen Gesprächen? Nach einfach nur mit mir sein?

Bin ich egoistisch, weil ich Rückzug dem Trubel vorziehe, weil ich meine Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit meinen eigenen Gedanken genieße?

Ich habe ihn herbeigesehnt, diesen Tag X 2019, diesen Tag an dem ich „runterfahren“ kann ohne das es den Rest der Welt interessiert. Mal abgesehen vom Finanzamt, was sogar am 24.12. noch Rechnungen zustellt… steht die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr fast still. Zumindest für mich.

Mein Smartphone informiert mich erstaunt über die wenige Onlinezeit. Manchmal lasse ich es sogar einfach daheim oder es liegt im Kofferraum, anstatt im Handschuhfach. Und nach knapp einer Woche Social-Media Dauerabstinenz frage ich mich, ob dieser Abstand etwas zu bedeuten hat oder ob es schlicht nur die Ruhe vorm neuen Sturm ist. Energie sammeln für einen aufregenden Start ins neue Jahr.

Ich sehe die vielen Bilder auf Instagram und frage mich warum nicht jeder die Chance nutzt um einfach mal offline zu sein… aber ich sitze selber in diesem Boot und verstehe die Schwierigkeit sich wirklich entziehen zu können. Es ist für mich die längste Abstinenz seit Jahren… fühlt sich fast an, wie ein sehr gesunder Entzug… von dem ich nicht weiß, ob er irgendeine Bedeutung hat.

Was ich wirklich gelernt habe? 2019? Wie weit ich über meine Grenzen gehen kann und wann Stille ihre Notwendigkeit einfordert. Nur dieser Rückzug bringt mir die nötige Energie, nur dieser Rückzug gibt mir Kraft für wichtige Entscheidungen.

Warum sind diese Momente mit sich selbst so wichtig und kann Stille wirklich heilsam sein? Im Grunde stellt sich diese Frage nicht wirklich. Denn jeden Tag werden wir übertönt… von Geräuschen, Meinungen… dem Alltag an sich. Wie oft zweifeln wir, weil wir uns Absolution erhoffen für ein Vorhaben und stehen am Ende des Tages mit 10 verschiedenen Ansichten da, die sich nicht mal ansatzweise mit dem eigenen Bauchgefühl decken.

Bestes Beispiel… ich habe seit knapp 10 Tagen meinen Führerschein. Die besten Fortschritte mache ich, wenn ich mit mir alleine unterwegs bin. Ich spreche dann ganz oft mit mir selbst, höre meinem schnellen Herzschlag zu, wenn ich auf die Autobahn fahre. Mit jedem Kilometer werde ich sicherer, vertraue mir selbst und meinem eigenen Fahrstil.

Diese aktuelle Stille ist purer Luxus für mich und ich würde sie gern noch beliebig verlängern, wenn nicht irgendwann auch wieder das Leben verdient sein will und die Pflichten rufen. Ich lese, schaue Filme, bearbeite Bilder, bin viel spazieren, fahre jeden Tag mit dem Auto um zu üben. Ich schlafe viel. Diese Zeit ist ein ganz wunderbares Geschenk an mich selbst und ich bin ziemlich glücklich darüber sie nur teilen zu müssen, wenn ich es auch wirklich will.

Ich habe akzeptiert, dass auch das ein Teil von mir ist. So wie es Menschen gibt, die sich nur in Gesellschaft vollkommen fühlen… ist es bei mir andersrum. Ich liebe es in Gesellschaft von Menschen zu sein. Ich bin unheimlich gern Gastgeber. Und ich bin unheimlich gern allein. Es ist purer Genuss für mich Momente in vollkommener Ruhe genießen zu dürfen.

Auf Instagram habe ich das Video einer Safari in Südafrika gesehen. Ein Elefant befand sich nur einen Meter vom Jeep entfernt. Ich nahm kaum Geräusche wahr und dachte das Video hätte vielleicht keinen Ton… aber bei genauerem Hinhören raschelte das Gras… ich hörte auf diesem Video nichts als die Geräusche, die die Natur verursachte und dieser riesige, graue Koloss strahlte eine wunderbare Ruhe aus und bewegte sich auf leisen Sohlen… ganz sanft.

Stille ist nicht gleich Stille und Stille bedeutet keineswegs Einsamkeit. Stille schafft Vertrauen zu sich selbst, weil man sich selbst wieder besser zuhört. Wenn man weiß, wer man selber ist, kann man auch der Fels in der Brandung sein.

Weihnachten ist für mich die erholsamste Zeit des Jahres. Völlig befreit von familiären Verpflichtungen und Traditionen. Eine erzwungene Veränderung, die sich zu einem glücklichen Umstand entwickelt hat. Was sich ursprünglich wie eine Tonne Blei auf der Seele anfühlte, fühlt sich nun an wie losgelöst von Konventionen, die man sich über Jahre selbst aufgebürdet hat. Das ist übrigens nichts was von heute auf morgen passiert… Zeit darf man sich nicht nur nehmen, man muss sie sich auch selbst zugestehen… auch das ist immer Bestandteil eines Heilungsprozesses, der irgendwann von Erfolg gekrönt sein soll. Stille Momente sind dabei übrigens sehr hilfreich.

Ist man an dem Punkt angelangt, das auch wirklich genießen zu können, schärfen sich übrigens sämtliche Sinne für glückliche Momente. Das halte ich für enorm wichtig… weil das für große persönliche Dankbarkeit und Demut sorgt, selbst wenn die schwierigen Momente vielleicht eine Zeit lang überwiegen.

Stille darf manchmal sehr still sein… für die eigene Energie, dem Loslassen von alten Strukturen und auch für Entscheidungen, die bereits getroffen sind, sich aber noch nicht an die Oberfläche trauen. Und Stille darf manchmal sehr still sein für das ganz kleine Glück… zum Beispiel um den Wind im Gras wahrnehmen zu können… während sich ein Elefant fast geräuschlos darin bewegt.


Eure Andrea

5 Kommentare

  1. CGW
    26. Dezember 2019 / 21:49

    Danke

  2. Wiebke
    27. Dezember 2019 / 8:41

    Von mir auch….DANKE ❤

  3. Sonja
    27. Dezember 2019 / 9:59

    Liebe Andrea,

    ich genieße Zeit des Alleinseins auch, auch die damit verbundene Stille.
    Vor einigen Jahren habe ich eine Reportage über einen deutschen Ranger gesehen, der sehr zurückgezogen und minimalistisch in den Wäldern Kanadas lebt. Er finanziert seinen Lebensunterhalt auch durch Gäste, die er beherbergt.
    Er erzählte, dass es Gäste gab, die wieder abgereist sind, weil sie die Stille nicht ertragen konnten.
    Das fand ich sehr bemerkenswert.
    Wenn man genau darüber nachdenkt, ist es dort gar nicht still, sondern man hört den Wind, Tiere, das Wasser. Wahrscheinlich war es dass, was die Stadtmenschen beunruhigt hat. Es waren keine vertrauten Geräusche.
    Ich wünsche Dir Gesundheit und Energie für das neue Jahr und viele, neue spannende Projekte.

    Liebe Grüße
    Sonja

  4. Claudia
    27. Dezember 2019 / 10:12

    Danke…

  5. 27. Dezember 2019 / 21:35

    Wundervoll! Ich habe dich sehr gerne gelesen! Danke fürs teilhaben lassen!

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