Irgendwie…

Kolumne, Gedanken, dreiraumhaus, Neuanfang, Motivation für Frauen, Trennung, alleinerziehend

Guck ihn dir an Steff. Er läuft auf Netflix. Man fühlt sich gut danach.

Wir diskutierten heute über den Film. Über Eat, Pray, Love. Aus zweierlei Gesichtspunkten, die absolut interessant sind. Für meine Schwester war es nur schwer vorstellbar, warum Liz ein Problem mit ihrem Leben hatte, wo doch eigentlich alles so stimmig wirkte und ich selber… bin Liz… im übertragenen Sinne natürlich. Nicht auf der Suche nach dem Mann fürs Leben, sondern auf der Suche nach der Leidenschaft… der Leidenschaft für das Leben… für mein Leben.

Ich hab sie gerade verloren. Diese Leidenschaft. Und ich suche sie. Ziemlich verzweifelt sogar. Es fühlt sich an, als marschiere ich geradewegs in eine große Krise hinein und ich versuche mich immer wieder von unten nach oben zu buddeln. Ich weiß nur eben nicht so richtig, wohin ich mich eigentlich durchgrabe und vor allem… warum. Mir ist der Sinn meines Daseins nicht mehr klar.

Wofür bin ich hier?

Was ist der Sinn meines Lebens?

Welche Aufgabe möchte ich meistern? 

Sind diese Fragen überhaupt wichtig oder die Antworten darauf?

Es gibt kurze Momente der absoluten Leere, wie vor 6 Jahren. Ein luftleerer Raum und ich möchte meine Existenz am liebsten einfach auflösen.

Was also ist los? Mit mir? 

Die großen Kämpfe nach der Trennung sind vorbei. Meine Ehe ist nur noch ein Teil meines Lebens, der mal stattgefunden hat, aber zu dem keine Bindung mehr existiert. Ich wohne schön und zentral. Mein Sohn entwickelt sich prima. Im Grunde ist alles irgendwie im Fluß. Ich könnte zufrieden sein…

 

Irgendwie…

 

Und trotzdem fühle ich mich, als würde ich ertrinken. Inmitten von Menschen irgendwie einsam. Ich bin eine ganz eigene Insel oder besser der Robinson Crueso auf meiner eigenen Insel. Ich bin ein Sonderstatus inmitten von Paaren und Familien. Es ist nie jemand einfach da, weil er eben da ist… ich muss dafür sorgen, das jemand da ist. Es gibt keine Selbstverständlichkeit von Menschen in meinem Leben. Ich muss mich dafür anstrengen. Täglich. Strenge ich mich nicht an, bleibe ich ein Robinson Crueso. Es gibt weder einen emotionalen noch einen existentiellen Rückhalt. 

Wir haben heute Mittag Pizza bestellt. Luca fragte mich, was ich haben will und ich bat ihn für mich zu entscheiden. Das ist es, was ich manchmal möchte… die Verantwortung für Entscheidungen abgeben oder sie zumindest teilen. In der Regel bin ich mit mir alleine und bei den wenigsten Entscheidungen suche ich um Rat. Aber, wie kann ich sicher sein, dass es richtig ist, was ich entscheide. Wie kann ich sicher sein, dass ich richtig bin, so wie ich bin? Was sagen die emotionalen Verluste der vergangenen 4 Jahre über mich selbst aus? Werde ich vielleicht eigenartig, weil ich zu viel mit mir alleine bin? Weil ich meine eigene Gesellschaft so richtig genießen kann?

Manchmal würde ich sehr gern, sehr viel mehr darüber schreiben, was es eigentlich wirklich bedeutet alleinerziehend zu sein. Und im gleichen Atemzug fühle mich wie ein elender Jammerlappen. Ich hatte Glück. Nur ein Kind… schon ziemlich selbstständig und trotzdem bin ich irgendwie ausgebrannt. Kaum eine Pause von einfach nichts, angetrieben von Sorgen. Die Sorge um das Wohl des Kindes, die Sorge um die eigene Existenz… wie kann ich den Vater ersetzen? Wie kann ich diese Lücke füllen? Immer wieder dieses Hinauswachsen über den eigenen Schmerz, weil er nicht wichtig genug erscheint… ja sogar fast lächerlich. Andrea… du bist über 40… jetzt reiß dich doch mal zusammen.

Ich denke dann ganz oft an die verrücktesten Dinge. Meine Oma zum Beispiel. Die im 2. Weltkrieg in Sibirien Kriegsgefangene war. Dagegen sind meine Probleme blöder Scheißdreck. Und doch sind sie da. Und doch geht es mir nicht gut. 

Vielleicht ist es der tägliche Kampf ums Überleben. Dieses Hamsterrad aus dem man nur schwer aussteigen kann und was für dicke, fette Burnouts sorgt. Man macht und macht und macht und irgendwann steht man morgens auf, guckt in den Spiegel und fragt sich „wofür der ganze Scheiß?“.

 

Ich würde gern ein bisschen wegrennen. 

 

Weil ich vergessen habe, was ich vom Leben will. Weil ich mich mit meinen Leidenschaften manchmal ziemlich einsam fühle und dabei möchte ich sie gern hinausschreien und mich damit nicht verstecken. Ich möchte andere Inseln mit anderen Robinson Cruesos finden, die ähnlich ticken. Die nicht auf der Suche nach dem zweisamen Glück sind, aber trotzdem Bock auf Gemeinschaft haben.

Als ich 2002 geheiratet habe, dachte ich, dass wäre mein Weg und das war er ja über viele Jahre auch. Die Zeit, von 2016 – 2018, war geprägt von Kämpfen. Mit mir selbst, mit meinem Ex-Mann… mit einfach irgendwie allem. Und jetzt ist es ein bisschen so, wie nach dem Ende von Game of Thrones… die großen Kämpfe sind vorbei und was zur Hölle kommt jetzt? Einerseits ist das ein gutes Gefühl, weil ich mich emotional komplett befreien konnte und andererseits ist da eben auch eine große Leere, mit der ich noch nichts anzufangen weiß.

Wenn mich jemand fragen würde, was ich in meiner Zukunft sehe, dann würde ich antworten:

 

Die Welt…

 

Ich weiß nur noch nicht so recht, wie ich das anstelle. Es gibt 2 Dinge, die mich erfüllen und das ist das Schreiben und die Fotografie. Vielleicht entwickle ich eine Art Crowd Funding Kampagne für diese Reise, die das Leben noch für mich bereithält.

Ich bin eben einfach gerade sehr leise. Ich schleppe Enttäuschung, Trauer und ein bisschen Bitterkeit mit mir herum. Nichts davon will ich in meinem Leben haben und doch hat es sich von hinten angeschlichen und mich ein bisschen vereinnahmt. Kann man zu viel vom Leben wollen? Kann man zu leidenschaftlich sein? Warum sind meine sensiblen Antennen auf sämtliche Schwingungen gepolt? Kann ich nicht einfach mal nicht fühlen? Schaffe ich es mich selbst auszuhalten? Ist es nicht völlig verrückt, dass ich die Welt noch erkunden will? Alleine? In meinem Alter? Und warum will ich das überhaupt?

Vergangenen Freitag stand ich in der Berliner S-Bahn. Ein Obdachloser verkaufte Zeitschriften. Ich gab ihm 5 Euro. Er wollte das Geld wechseln, aber ich sagte ihm er soll die 5 Euro behalten. Er stand, gefühlte 5 Minuten, vor mir und bedankte sich immer und immer wieder… er meinte „ich sei heute der Stern an seinem Himmel“. Vielleicht sagt er das jedem… keine Ahnung… und es spielt auch keine Rolle. Ich stieg aus und Luca meinte zu mir „Und Mama? Jetzt musst du wieder weinen, oder?“. Ich komme manchmal einfach nicht mehr mit unserer Welt klar… in der 3 Tage das wichtigste Thema ist, warum Angela Merkel zittert und Menschen ins Gefängnis kommen, weil sie sich auf dem Meer nicht an Gesetze halten (aber im gleichen Atemzug Menschenleben retten).

Natürlich möchte ich Spaß am Leben, aber ich möchte – vor allem – ein bisschen mehr als das. Eine Art Fußabdruck hinterlassen. Ich möchte strahlen, freundlich und wohlgesonnen sein. Klingt ein bisschen drüber, aber das hat mir in den letzten Monaten so viel Freude bereit… ich strahle und jemand strahlt zurück. Besser gehts nicht. Und ich will auch nicht wirklich streiten. Eher reflektiert diskutieren mit der Möglichkeit der Veränderung. Mit der Möglichkeit sich umentscheiden zu dürfen, Fehler zu machen und einen besseren Weg zu gehen.

Ich möchte auch diesem Trend nicht folgen, in dem ständig darüber gesprochen wird, dass man sich von Menschen trennen soll, die einem nicht gut tun. Die mag es geben… aber zu allererst tut man sich meist selbst nicht gut und das überträgt sich auf einfach alles. Oder auch dieses „ich bin richtig… nur die anderen sind es nicht“. Steckt nicht in all dem eine kleine Wahrheit? Ist es real, nur weil ich es mir oft genug einrede? Fühle ich mich wirklich mit mir wohl, nur weil alle auf einmal schreien, wie scheiße Body Shaming ist? Ich frage mich immer, was passiert, wenn alle schreien „ich bin richtig, nur Ihr seid es nicht!“ Ist das nicht nur eine Rechtfertigung vor sich selbst? Ich weiß es tatsächlich nicht… es ist eine offene Frage und vielleicht schreie ich es ja morgen schon selbst…

Bin ich eine starke Frau? Aber ja! Bin ich voller Selbstzweifel? Aber sowas von!

Es tut gut es herunterzuschreiben. Ich lag im Bett und hab die Decke angestarrt. Kein Platz für Netflix. Kein Platz für ein Buch. Nur ich und meine weiße Zimmerdecke und die Gedanken wollten und wollten sich einfach nicht ordnen.

Ich habe noch etwas Gin und Tonic und ein paar Eiswürfel. Ich mixe mir jetzt ein großes Glas. Lese die ausführliche Mail einer Followerin mit persönlichen Tipps für Bali (1000 Dank dafür) und werde noch eine Folge von David Lettermans „My next Guest“… anschauen.

Vielleicht ist das ja hier meine Insel der Gemeinschaft… das dreiraumhaus. Dieser Ort, an dem ich meine Gedanken aufschreiben, ordnen und mit Euch teilen kann.

 

Eure Andrea

 


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