Mensch…

Glücklichermacher dreiraumhaus Mensch

20:30 Uhr und in unserem Hof herrschte gestern absolute Ruhe. Keine Kinder, die Rollschuh oder Fahrrad fahren und keine Erwachsenen, die ein Bier auf der Bank trinken oder auf die Bratwurst vom Wegwerfgrill warten.

In der Luft lag Ruhe. Und es fühlte sich nicht mal merkwürdig an.

So langsam fühlt sich fast gar nichts mehr merkwürdig an und ich hinterfrage diese Gefühlslage ganz oft und bin erstaunt über die Anpassungsfähigkeit von uns Menschen.

Wir zetern alle ein bisschen vor uns hin, aber der Großteil meckert ein bisschen und fügt sich dann den Rahmenbedingungen. Was soll man auch sonst machen?

Ich verfolge den ein oder anderen Social Media Kanal, der sich mit Aufklärung zur Pandemie beschäftigt. Aber es wird weniger. Deutlich weniger. Von außen betrachtet, fühlt es sich eher an, wie eine in sich geschlossene Blase, die am Ende doch nichts verändert. Vermutlich habe ich einfach resigniert und keinen Bock mehr, meine Energie zu verschwenden… für nichts.

Betrachtet man es mal ganz realistisch… dann können wir uns drehen und wenden, wie wir wollen. Die Unplanbarkeit der kommenden Monate bleibt solange, bis diese elendigen Zahlen endlich rückläufig sind. Alles jammern hilft gerade nichts… wir stagnieren fröhlich vor uns hin. Es geht irgendwie nicht vor und auch nicht zurück.

Also ist jeder Tag ein kleiner Neustart. Aufwachen. Sich neu justieren. Den Fokus auf die positive Energie legen. Fällt man in ein Loch… dann auch einfach mal das akzeptieren, in die Ecke legen, ein bisschen weinen und mit Freunden und Familie austauschen. Das hilft.

Vor gut 6 Monaten hätte ich noch behauptet, dass ich mich nicht verändert habe durch die Rahmenbedingungen der Pandemie. 6 Monate später sehe ich das durch eine neue Brille.

Es ist erstaunlich und beängstigend zugleich, wie wenig ich vermisse. Es ist erstaunlich, wie die Prioritäten sich verschieben. Oder vielleicht verschieben sie sich gar nicht, sie reihen sich nun vielmehr in ihrer natürlichen Reihenfolge auf.

Jeden Tag fahren die Menschen aus den Townships nach Kapstadt ins Zentrum. Sie arbeiten in unglaublich schönen Häusern, Restaurants oder Shops. Täglich bekommen sie Reichtum vor die Nase gesetzt, den sie vermutlich niemals leben können.

Sie sitzen in „Taxis“ eng an eng. Warten in langen Schlangen auf ihren Platz im Auto, um nach einem langen Tag wieder zurück in die Armut zu fahren.

Wir fuhren an unzähligen dieser Taxis vorbei. Und sie lachten. Sie waren fröhlich. Ich habe hier in Deutschland noch nie wirklich jemanden gesehen, der fröhlich in der Straßenbahn oder im Bus sitzt. Außer, man kommt vielleicht ein wenig betrunken von einer Party nach Hause (aber was waren eigentlich nochmal Partys?).

Immer, wenn ich in einem Jammertal feststecke, denke ich daran. Und es hilft mir, mich wieder zu besinnen und zufrieden zu sein, egal wie die Rahmenbedingungen gerade aussehen.

Und ja, mir ist vollkommen bewusst, dass wir nicht immer Vergleiche ziehen können. Afrika ist Afrika. Deutschland ist Deutschland. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht darum Impulse zu setzen und sich darüber bewusst zu sein, dass wir noch immer auf der Haben-Seite des Lebens stehen.

Ich mache mir ernsthaft Sorgen um Gastronomie, Tourismus, Kultur, stationären Handel. Ich mache mir Sorgen, weil es mir immer weniger fehlt.


Geht es Dir auch so?


Ich habe mich daran gewöhnt, dass sich unser Leben zwischen Supermarkt, Sofa, Balkon und Spaziergängen abspielt.

Langsam komme ich an den Punkt, an dem ich mich an Menschenaufläufe erstmal wieder gewöhnen müsste. Aber vielleicht fehlt auch einfach nur die Leichtigkeit. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie sich unsere Zukunft in all diesen Punkten verändern wird. Und ob sie sich überhaupt verändern wird.

Denn betrachtet man es mal ganz sachlich und realistisch… dieses Virus, in all seinen Formen und Mutationen, wird nicht mehr verschwinden und das bringt langfristige und nachhaltige Veränderungen mit sich. Für die ganze Welt.

Gestern Abend cruiste ich noch eine Runde mit dem Auto. Manchmal mache ich das. Manchmal auch gemeinsam mit Luca. Ich mache dann meine Lieblingsmusik ganz laut, das Fenster ein bisschen runter und fahre los.

Nicht weit von unserem Zuhause ist eine Landstraße, die fahre ich sehr gern. Vor allem, wenn keine lahme Ente vor mir unterwegs ist. Und ich hatte Glück… niemand weit und breit. Endlich mal wieder 100 fahren. Vielleicht fuhr ich auch 5 kmh zu schnell. Eventuell wurde ich sogar geblitzt.

Es waren tatsächlich Spaziergänger unterwegs und das hat mich sehr bewegt.

Die fucking Situation bringt ganz viel Scheiß daher. Aber eben auch das Gegenteil. Wir können nicht verreisen. Wir können nicht unseren Campingplatz an der Ostsee nutzen. Dann spazieren wir eben neben der Landstraße. Auch gut.


Manchmal machen Menschen mir Angst, aber meistens finde ich Menschen toll.


Herbert Grönemeyer ist 65 geworden. Und ich hörte seit Ewigkeiten mal wieder „Mensch“ im Radio. Könnte sein, dass ich es danach auf meine Playlist gepackt habe und Siri zur Endlosschleife aufforderte.


Und der Mensch heißt Mensch
Weil er irrt und weil er kämpft
Und weil er hofft und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt

Herbert Grönemeyer


Ich weinte. Zu diesem Lied. Schon so alt und doch so up to date.

Wir sind eben Menschen. Einfach nur Menschen. Wir hadern mit uns, schimpfen ein bisschen, aber wir lachen auch ganz viel, sind gut miteinander und spazieren eben neben der Landstraße, wenn es gerade nicht anders geht.

Das macht mir persönlich Mut. Denn so lange das so ist, bleibt Hoffnung.


Eure Andrea

3 Kommentare

  1. 25. April 2021 / 16:24

    Ja, liebe Andrea, so ist das. Mir geht es ganz oft so, wie Dir und ich lese hier sehr gerne.
    Im Radio hat diese Woche jemand gesagt, dass er unserer Regierung gegenüber loyal ist und ihr alles in allem vertraut, und deswegen auch mal Blödsinn mitmacht. Diese Einstellung finde ich gar nicht so schlecht. Nicht alle Vorschriften und Einschränkungen kann ich nachvollziehen, manche finde ich einfach dämlich, manches finde ich richtig sinnvoll. Wir werden niemals wissen, was passiert wäre, hätten wir einfach alles laufen lassen. Ich denke aber schon, dass alles in allem richtig gehandelt wird.
    Mittlerweile denke ich immer öfter: Ich will, dass das endlich aufhört, ich habe echt keinen Bock mehr auf Ruhe! Und um diesen Gedanken bin ich sehr froh, denn eine Zeit lang hatte ich wirklich Angst, dass ich nie mehr fähig sein werde, mehr als zwei Vorhaben am gleichen Tag zu erledigen.
    Meine Mutter wird bald geimpft und das gibt mir gerade richtig Auftrieb – es ist ein Schritt in Normalität und weniger Angst, wenigstens in der Familie.

    Alles Gute für dich und danke für Deine Inspirationen!

    Stefanie

  2. 25. April 2021 / 17:37

    Das Gefühl kenne ich zu gut! Einfach ins Auto setzen, losfahren, und einfach dieses freie Gefühl spüren…ich vermisse dieses Gefühl einfach. Da tut eine kleine Spritzfahrt soooo gut!

  3. Conny Schneider
    25. April 2021 / 19:20

    Ich sage einfach: Andrea, du hast recht!
    Von der ersten bis zur letzten Silbe!
    Und es besteht Hoffnung!
    Alles Liebe, Conny

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