Kolumne: Ein Leben aus vollem Herzen…

#Koffergeschichten #10... aus Tirol... Swarovski, 007 Elements und ab nach Südtirol...


Andrea, ich muss an den Augen operiert werden… ich sehe nur noch ganz schlecht.

Ich gucke auf die Nachricht, gedanklich schmeiße ich den Terminplan des ganzen Tages um, sehe mich schon ins Auto hüpfen. Tränen laufen.


Vergangenen Mittwoch war eigentlich der Plan ab morgens konzentriert am Schreibtisch zu sitzen und weitere Aufträge abzuarbeiten.

Ich räumte in der Küche ein bisschen auf und sortierte den Paketinhalt eines Kunden. Dabei hätte ich fast einen Gutschein weggeworfen. Also so eine kleine Gutscheinkarte mit Guthaben drauf, wisst ihr? Davon war mir gar nichts bekannt und eigentlich war das auch nicht Bestandteil der Kooperation, aber ich freute mich natürlich riesig darüber.

Da der Gutschein für Tierzubehör war, packte ich die beiden Fellnasen ins Auto und fuhr Richtung Futterhaus. Schon auf google maps konnte ich sehen, dass der Laden in der Nähe von Leipzig Schönefeld liegt. 

Die Sonne schien, meine Laune war großartig und ich dachte so „Scheiß auf die extra halbe Stunde… ich will es jetzt genau wissen“.

Hugo, Bommel und ich shoppten ein bisschen im Futterhaus und dann setzte ich den Blinker Richtung Schönefeld. Ich bin in Leipzig Schönefeld geboren. Ich bin dort in den Kindergarten gegangen, wurde dort eingeschult, meine Oma lebte dort bis zu ihrem Tod.

Wir wohnen zwar mittlerweile seit 5 Jahren wieder in Leipzig, aber nach Schönefeld hat es mich einfach nie verschlagen. Es liegt für mich komplett am anderen Ende der Stadt und ich habe dort nie irgendwas zu tun. Selbst mit dem Auto brauche ich gute 25 Minuten.

Als Kind kam mir alles immer viel größer und weiter vor. Kennt ihr das? Das war mein erster Gedanke, als ich auf die Gorkistraße fuhr. Außerdem war früher auf dieser Hauptstraße viel mehr los. Es war erstaunlich ruhig.

Ich fuhr langsam in die Seitenstraßen und fand das Haus, in dem wir wohnten. Ich erinnere mich an eine Toilette im Treppenhaus, eine Zinkbadewanne im Flur, ein Waschbecken, in dem ich gebadet wurde und viele Silberfische.

Ich erinnere mich daran, dass mein Vater im Hof einen Sandkasten für uns baute. Das ich Freunde hatte. Das es mir an nichts fehlte.

Ich fand meinen Kindergarten und die Schwimmhalle dahinter. Als ich eingeschult wurde, kam ich ins Schwimmteam. Es wurde getestet wieviel Angst man vor Wasser hat und überhaupt. Ab da hatte ich täglich Training über viele Jahre. Es stand tatsächlich Sportschule im Raum, aber ein Herzfehler und das Ausmaß des Trainings, ließ meine Eltern die einzig richtige Entscheidung treffen… aufzuhören.

In die Schule ging schon mein Vater. Das war das erste, woran ich dachte. 

Ich sah die Treppe vorm Haupteingang und sie kam mir so klein vor. Ich sehe uns alle da stehen mit Zuckertüten im Arm und hübsch gemacht. Im Osten wird Schulanfang nämlich so richtig gefeiert. Also so richtig. Ich weiß noch, als Luca in die Schule kam… war ich furchtbar enttäuscht, wie wenig feierlich das war… so mitten in der Woche.

Und dann fuhr ich zu meiner Omi. Als würde sie dort noch wohnen. Es hat sich wirklich kaum was verändert. Dabei ist es 25 Jahre her, dass ich zum letzten Mal dort war. Ich stieg aus und guckte mir die Klingelschilder an und dort standen tatsächlich noch Namen, die ich kannte. Ich stieg wieder ein und weinte eine Runde im Auto. Das war einfach zu viel Erinnerung für einen klitzekleinen Vormittag mitten in Leipzig.

Als ich wieder nach Hause fuhr, war ich sehr glücklich. Glücklich darüber, dass mich meine Lebensumstände wieder zurückgebracht haben. Das ich so die Chance habe meinen eigenen Spuren zu folgen. Meine eigene Geschichte zuzulassen. Sie ist ein großer Teil von mir und prägt mich bis heute. Der Osten ist ein Teil von mir. DDR ist ein Teil von mir.

Was ich früher oft als Makel empfand, erfüllt mich heute mit Stolz. Immerhin hab ich alles gelebt… die DDR, den Osten danach, im Westen, Osten heute. Ich weiß also, worüber ich spreche. Über viele Ossiwitze kann ich nur müde lächeln. 

Meine Eltern haben mir die glücklichste Kindheit geschenkt. Das ist keine verklärte Nostalgie, sondern eine Tatsache. Meine Mama war 18 als ich auf die Welt kam. Ein Wunschkind soll ich gewesen sein. Das sagt sie mir immer wieder. Auch heute noch.

Mein Paps war LKW Fahrer und meine Mama Näherin im Zentrum der Stadt. Am Wochenende waren wir immer draußen. Mit dem Fahrrad. Am See. Pilze sammeln. Omi besuchen. Ostseeurlaube.

Als Kind habe ich die DDR nie als zu eng empfunden. Vermutlich wäre mir das erst später so gegangen, wenn man begreift was Mauern bedeuten. Aber meine Eltern haben das Leben für uns Kinder so gestaltet, als gäbe es diese Mauern gar nicht.

Schwierig wurde es erst, als ich in die Pubertät kam. Ich bin jetzt 43, habe einen fast 16-jährigen Sohn und habe nun eine ungefähre Vorstellung davon, was ich – vor allem meiner Mama – so zugemutet habe. Und dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass es mir mein Sohn ziemlich leicht macht und trotzdem sind Teenager manchmal und meist unbewusst… sehr verletzend.


Worauf will ich eigentlich hinaus?


Mit 18 zog ich aus. Holterdipolter. Ohne Vorwarnung. Ich wurde so schnell flügge, dass meine Mama eigentlich keine Chance hatte. Es war ein bisschen so, als wäre die Verwandlung vom Kind zum Teenager über Nacht passiert. Ich musste immer alles ausdiskutieren und eine große Klappe hatte ich auch.

Ich habe lange gedacht, dass die Beziehung zu meinen Eltern nie wieder so richtig gut werden würde. Ich war lange gefangen in meinen eigenen Standpunkten und auch Verletzungen. Konnte nicht über den Tellerrand blicken. 

Es besserte sich, als ich verstand, dass ich Menschen „sein lassen muss“. Das es ok ist in anderen Geschwindigkeiten durch die Welt zu laufen. Ich kann nicht automatisch von mir auf andere schließen. Mein Weg ist nicht dein Weg.

Es besserte sich, als ich selber Mutter wurde. Als ich begriff, dass ich ganz viel aus meiner eigenen Erziehung weitergebe. Das ich viele Dinge, nicht alle, genauso mache… weil sie gut waren und es noch immer sind.

Es besserte sich, als ich mich trennte. Die Beziehung zwischen meinem Mann und meinen Eltern war immer problematisch und als Tochter und Ehefrau steht man immer zwischen den Stühlen. Ich war nie wirklich ich selbst und beim Versuch es allen recht zu machen, bin ich meist kläglich gescheitert.

An der Beziehung zu meinen Eltern kann ich meine eigene Entwicklung sehen. Die Veränderung, die in den vergangenen 5 Jahren passiert ist. Ich konnte mich zurücknehmen. Ich konnte aufhören zu bewerten oder es besser zu wissen. Ich habe endlich gelernt mich auf die Beziehung einzulassen und sie einfach zu lieben. Das allerbeste daran ist… umgekehrt ist es genauso. 

Wenn jeder Streit dafür nötig war um an diesen Punkt zu kommen, dann hat sich das sehr gelohnt.

Wichtig dabei ist, einen Strich zu machen. Unter alles was war. Gar nicht so leicht oder? Aber es ist möglich. Im Übrigen nicht nur in der Beziehung zu den eigenen Eltern. Das ist nichts, was von heute auf morgen passiert. Diese Dinge brauchen Zeit. Man muss sich selbst die Chance auf einen Heilungsprozess geben und ist man selbst geheilt… ist der Weg für den Rest offen.


Ich habe gelernt nichts zu erwarten. Und das Ergebnis ist, fast immer, überraschend positiv.


Mit nichts erwarten meine ich… Dinge zu tun ohne auf ein Ergebnis zu hoffen. Denn Hoffnung birgt auch eine mögliche Enttäuschung, die in Vorwürfen und Streit enden kann… ohne das mein Gegenüber wusste, dass ich eigentlich eine Erwartung hatte. Das ist leider eine verzwickte Tatsache und oft die Grundlage für Streit oder Fehlkommunikation.

Soll heißen… wenn ich jemandem sage „Ich liebe dich“, dann kann ich nicht erwarten, dass er es mir gleichtut. Man kann diesen Satz auch einfach sagen, weil man ihn so meint und nicht im gleichen Atemzug auf eine Antwort hofft. Vielleicht kommt sie ja… die Antwort… kommt sie aber nicht, ist das ebensowenig schlimm. Denn ich habe jemandem gesagt, dass ich ihn liebe. 

Die erstaunlichste Erkenntnis der vergangenen Jahre ist, dass auf diesem Weg ganz viel passiert, was unglaublich schön ist. 

Früher hatte ich immer das Gefühl, ich muss mich anstrengen, um geliebt zu werden. Heute kann ich einfach ich sein und es kommt so viel mehr zurück.

Brené Brown schreibt immer „ein Leben aus vollem Herzen“ und ich weiß mit jeder Faser meines Körpers, was sie meint. Denn das ist mein ganz persönliches Bestreben… ein Leben aus vollem Herzen.


Die Zeit… nein, unsere Zeit… ist zu kurz für Groll. Für Streit und Hass.


Ihr würdet euch wundern, was alles passieren kann, wenn man diese negativen Emotionen in etwas Gutes umwandelt. In Energie z.B. oder in Produktivität oder auch einfach nur in Liebe.

Vielleicht erzähle ich euch irgendwann davon. Vielleicht bleibt es aber auch ein Teil meiner Privatsphäre. Aber vertraut mir… dieser Weg, diese Arbeit mit sich selbst, dieses Hinschauen und den Finger in die eigenen, offenen Wunden legen… der ist hart, er macht Angst und er ist die einzige Chance um sich wirklich zu verändern.


Der Schlüssel zum Erfolg bist du selbst.


Ich bin weit entfernt von Perfektion. Sehr weit. Und das ist auch nicht mein gesetztes Ziel. Mein Wunsch ist ziemlich simpel. Ich möchte ein gutes Leben und ich möchte das verbringen mit den Menschen, die ich liebe und mit Hugo und Bommel. 


Eltern sind etwas sehr Besonderes. 


Als Kind geht man immer davon aus, dass Eltern alles wissen und richtig machen. Erst, wenn man selber erwachsen wird, begreift man, dass dieser Weg der Unsicherheit und Stolperfallen niemals endet. Das in vielen Entscheidungen einfach nur die Hoffnung steckt es irgendwie richtig zu machen. Nicht alles ist steuerbar und Kinder schon mal gar nicht, wenn man sie zu eigenständig denkenden Menschen erziehen möchte.

Ich erzähle euch jetzt nicht, dass ihr loslaufen und alle in den Arm nehmen, mit Liebe und Vergebung um euch werfen sollt und dann ist schon alles irgendwie gut. Denn so funktioniert es (meistens) nicht. Das ist Hollywood und nicht das reale Leben.

Wir können andere nicht ändern, wir können nur bei uns selbst anfangen. Die eigenen, negativen Emotionen hinterfragen, immer und immer wieder und herausfinden, was der Auslöser ist und dort ansetzen. Das bedeutet nicht, dass mit deinem Gegenüber alles wieder gut wird… es bedeutet, dass du für dich selbst etwas tust und das ebnet Wege, die vorher auf keiner Landkarte eingezeichnet waren.

Während ich hier so schreibe, habe ich kurz einen Blick auf Instagram geworfen und das erste Bild, was mir angezeigt wurde ist dieses hier. Als hätte Instagram meine Gedanken oder meinen Textentwurf lesen können. Vielleicht ist das ja sogar so… wir wären sicher überrascht.



Ich bin in diese Kolumne mit der WhatsApp meines Papas eingestiegen, in der er mir mitteilt, dass er an den Augen operiert werden muss. Er hat den grünen Star.

Ganz ehrlich. Ich saß vor meinem Smartphone und dachte nur „oh nein… jetzt geht los wovor du so viel Angst hat“. Ich habe Angst davor, dass es meinen Eltern nicht gut geht. Das sie krank werden oder Schlimmeres. Ich will verdammt nochmal, dass sie ihre Rente genießen dürfen, nach vielen Jahren harter Arbeit. Das wir noch Zeit miteinander haben. Viel Zeit.

Ich heulte meinen Bildschirm voll und dachte mein Vater würde erblinden. Ich würde sagen, ich bin emotional voll ausgeflippt. 

Allerdings habe ich den grünen Star mit dem grauen Star verwechselt. Meine kluge Mama hat mich erstmal aufgeklärt und mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Aber wisst ihr… es sind diese Momente, die mir bewusst machen, wie wichtig diese Zeit miteinander wirklich ist. 

Im November darf ich meinen Papa zum allerersten Mal zu einem wichtigen Arzttermin nach Düsseldorf fahren, weil er dann selber nicht fahren kann. Ich habe den Führerschein zwar spät, aber auf jeden Fall zum richtigen Zeitpunkt gemacht. Ich kann jetzt auch für sie da sein, trotz der Entfernung zwischen uns. Ist das nicht wunderbar?


Zum Schluss noch ein persönlicher Rat von mir…


In irgendeinem meiner Blogposts habe ich das schon mal erwähnt, mache das heute aber nochmal…

In der Serie Sherlock Homes geht Watson zu einer Therapeutin, die ihm über ein Trauma hinweghelfen soll.

Er fragt sie „Was soll ich tun?“ und sie antwortet „Schreiben sie einen Blog“.

Vielleicht müsst ihr jetzt schmunzeln (ich musste es auch), aber darin steckt so viel Wahrheit. Diese Dinge aufzuschreiben (und das muss keineswegs öffentlich sein) hilft dabei sich selber zu reflektieren. Es ist immer wieder, wie ein Appell an sich selbst.

Ich habe unzählige Texte geschrieben, die voller Wut und Vorwürfe waren und ich habe sie nie veröffentlicht. Am Ende war ich mir immer darüber bewusst, dass ich das nicht will. Das ich nicht will, dass diese negativen Emotionen mein Leben steuern. Ich will verstehen warum Dinge passieren und ich möchte mich besser verstehen. Darüber zu schreiben hilft mir.

Im Übrigen war in 99% der Fälle meine Wut, wie weggeblasen, wenn ich darüber geschrieben und meinen Gedanken freien Lauf gelassen habe.

Aktuell lese ich ein Buch von Brené Brown (das beste, was ich seit langem gelesen habe) und sie empfiehlt das auch immer wieder… Dinge aufzuschreiben. Sie zitiert James Pennebaker, einen Forscher an der University of Texas und ich möchte euch dieses Zitat ebenfalls gern hier lassen:


Emotionaler Aufruhr berührt jeden Teil unseres Lebens. Wir verlieren nicht einfach nur unseren Job, wir werden nicht einfach geschieden. Diese Dinge beeinflussen alle Aspekte unseres Lebens – unsere finanzielle Situation, unsere Beziehungen zu anderen, unsere Sicht von uns selbst, unsere Probleme von Leben und Tod. Schreiben hilft, uns zu fokussieren und Ordnung in das Geschehen zu bringen.


Eure Andrea

3 Kommentare

  1. Cora
    13. September 2020 / 9:58

    Danke für den guten und ehrlichen Beitrag! Ich hoffe, Du bringst deinen Papa nach Düsseldorf zu Augenklinik Dr Laube. Ich musste mich schon mit 52 am Grauen Star operieren lassen und die OP wurde dort ganz toll durchgeführt. Ist echt pillepalle-dabei war ich vorher echt mit den Nerven zu Fuß😂

    Das Buch von Brenée Brown werde ich mir mal genauer ansehen. Liebe Grüße Conny aus Düsseldorf

  2. Friederike
    13. September 2020 / 19:21

    Dann hat er wohl den grauen Star ? Weil du vom grünen schreibst.
    Augen sind immer sehr sensibel – aber die OP wohl tatsächlich recht harmlos. Selbst meine alte und schwerkranke Mutter hat das sehr gut in kurzer Zeit weggesteckt. Alles Liebe für deinen Papa !

  3. Marit
    13. September 2020 / 21:24

    Liebe Andrea,
    ein wunderbarer Text. Ich sende Dir diese Nachricht aus dem Karwendelgebirge. Bin hier seit heute mit meinem Vater im Urlaub. Hat er sich gewünscht. Ich glaube, dass wird eine spannende Woche und genieße, dass ich meine Eltern beide noch habe. (Meine Mutter mag die Alpen nicht so und sonst machen wir einen Mutter-Tochter-Trip im Jahr.)
    Liebe Grüße
    Marit

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