Was vom Ende übrig blieb…

Was vom Ende übrig blieb... Was bleibt übrig nach 16 Jahren Ehe und wenn die Trennung 5 Jahre her ist. Wie fühlt sich das Leben an?

Ich fuhr durch den Ort, in dem mein Mann lebt. Zum allerersten Mal. Ich sah das Haus, in dem er lebt. Mit den anderen. Zum allerersten Mal. Sein Auto stand vor der Tür.

Ich setzte meinen Sohn ab und fuhr weiter.

5 Minuten später ist diese Situation schon wieder aus meinem Kopf verschwunden. Ich halte kurz an auf diesem Feldweg, der um das Haus herumführt, schalte einen Podcast ein und höre Tommi Schmitt und Matze Hielscher 2 Stunden lang über das Leben zu.

Fast 5 Jahre sind vergangen.

Seit unserem Ende.

Manchmal versuche ich mich zurückzuerinnern. An den Schmerz. Wie es sich angefühlt hat. Was ist übrig davon? Gibt es noch Schmerz? Und warum schreibe ich 5 Jahre später nochmal darüber… immer der Gefahr ausgesetzt, dass dies wieder damit verbunden sein wird, dass es Menschen gibt, die denken… ich sei nicht drüber hinweg.

Aber was bedeutet eigentlich drüber hinweg? Und geht das eigentlich? Oder will ich das überhaupt? Über einen Teil meines Lebens, der mich geprägt hat und der in vielen Facetten schön war… hinweg sein?

Ich bin auch nicht froh oder glücklich darüber, dass alles so gekommen ist. Es ist eben so gekommen und dann muss man schauen, wie es weitergeht.

Hin und wieder erreichen mich Nachrichten und lange Mails von Frauen, die sich heute in ähnlichen Situationen befinden. Die Geschichten gleichen sich. Fast immer sind es langjährige Ehen, die auseinandergehen, weil sich der Partner neu verliebt hat und fast immer haben alle mit den gleichen Auswirkungen zu kämpfen.

Mit Auswirkungen meine ich alle emotionalen Facetten, die mit einer Trennung verbunden sind. Schmerz, Trauer, Wut, Resignation… begleitet von dem Umstand der Liebe und auch begleitet von dem Umstand der Gewohnheit.

Gemeinsame Strukturen brechen weg und irgendwie muss man sich neu erfinden. Das braucht einfach seine Zeit, wenn man viele Jahre miteinander verbracht hat.

Oft wird mir dann die Frage gestellt, wie ich es geschafft habe und vor allem, wie ich es geschafft habe, dass es mir wieder gut geht.

Ich glaube, von außen betrachtet, wirkt es so, als wäre das alles sehr schnell gegangen… meine „Heilung“. Aber das ist nicht so. Das hat Jahre gebraucht. Vermutlich schließt man diesen Prozess auch nie gänzlich ab… jedenfalls nicht, wenn es Kinder gibt.

Betrachte ich die vergangenen 5 Jahre, dann kann ich mit all meiner Aufrichtigkeit sagen, dass ich jede emotionale Facette einer Trennung mitgenommen habe.

Meine größte Angst lag in diesem Abgrund, den ich vor mir sah und der sah einfach sehr einsam aus.

„Alleinerziehend“ und als Frau mit über 40 Single, fühlte sich an, wie ein Makel und gesellschaftlich betrachtet ist das auch so. Betrachte ich mein Umfeld, dann bin ich einfach ein Exot. Auch, weil ich mich bisher auf keine neue Partnerschaft einlassen konnte und auch nicht einlassen wollte.

Wie man aus diesem Loch wieder herauskommt?

Um ehrlich zu sein… ich weiß es nicht.

Ich glaube, ich habe mir selber dabei zugesehen. Es gibt diesen einen Schlüsselmoment, wo ich in unserem alten Haus auf dem Teppich hocke, wie ein Hund und mir die Rotze aus der Nase läuft und ich keine Luft mehr bekomme, weil der Schmerz mich so überwältigt. Ich habe hyperventiliert… vor Angst. Ich sehe also einer 38-jährigen, erwachsenen Frau dabei zu, wie sie die Kontrolle über sich selbst verliert und das wollte ich einfach nicht.

Als ich im Januar 2016 eine Anwältin aufsuchte, war das ein Hilferuf. Ich suchte nach Wegen um meinen Mann „wachzurütteln“. Was ich nicht sehen konnte, war sein eigener Kampf, den er führte…

Im Grunde hatte ich keine Chance für uns etwas zu tun. Ich hatte nur eine Chance… für mich etwas zu tun und die bestand darin zu gehen und als es dann im Mai 2016 soweit war und ich vor dem Umzugswagen stand… wollte ich das auch. Ich wollte gehen. Ich wollte sehen, wie das ist… dieses „alleine sein“ und wie es ist neu anzufangen.

Begleitet war das von Hoffnung… einer unterbewussten Hoffnung, die ich immer wieder versucht habe vor mir selbst zu leugnen. Die Hoffnung, dass unsere Ehe nochmal eine Chance bekommt. Wir waren beide zerrissen, haben festgehalten und weggestoßen. Letztendlich hat das Miteinander nicht überlebt.

Ich habe es früher schon mal geschrieben. In den ersten Wochen schlief ich mit eingeschaltetem Licht und der Fernseher im Wohnzimmer lief auch über Nacht. Wenn man 20 Jahre mit einem Mann gemeinsam verbringt, dann fühlt sich danach einfach alles neu und auch unheimlich an.

Betrachte ich unser beider Leben heute, dann hat sich – gefühlt – bei mir alles verändert und bei ihm eigentlich nicht. Mein jetziges Leben ist ein komplettes Kontrastprogramm. Ich bin einfach ausgebrochen aus den alten Strukturen. Einerseits wollte ich das und andererseits war es einfach erforderlich.

Aber das ist mein! Blick auf die Dinge. Denn in der Realität kann ich die andere Seite nicht beurteilen oder bewerten, weil ich sie nicht kenne. Weil ich es ablehne mich damit zu beschäftigen. Anfangs aus Angst vor dem Schmerz und heute ist es (fast) egal.

Ich bin einfach so. Wenn ich mit etwas oder jemandem abschließe, dann beschäftige ich mich nicht mehr damit. Vielleicht wird mir von außen etwas zugetragen, aber ich selber stalke nicht herum. Für mich ist das vergeudete Zeit. Warum sollte ich mich mit Menschen beschäftigen, die mir nicht gut tun? Warum sollte ich wissen wollen, wer die neue Frau an der Seite meines Mannes ist? Ich sehe darin eben einfach keinen Sinn.

Vielleicht war auch genau das der Weg raus aus dem Loch. Natürlich habe ich getrauert, gejammert, war wütend, habe Zeit gebraucht. Ich fand nur immer ganz schnell wieder zurück zu dem Punkt, wo ich mich auf mich konzentrieren konnte. Ich habe den Blick nach vorn gelenkt. Und das ist nicht nur ein Spruch… ich habe das wirklich ganz bewusst gemacht und das war mental manchmal ganz schön anstrengend.

Die Logik sagt doch, dass es mir nicht gut gehen kann, wenn ich mich ausschließlich auf das Problem und den Schmerz konzentriere. Dieser Kreislauf muss durchbrochen werden und das funktioniert nicht, wenn man sich mit dem Leben des anderen beschäftigt. Man muss sich mit dem eigenen Leben beschäftigen. Nur dann kann man heilen.


Habe ich etwas gelernt? Aus der Trennung? Aus den letzten 5 Jahren?


So möchte ich das nicht sehen. Ich glaube das ganze Leben ist ein fortwährender Lernprozess, der niemals abgeschlossen sein wird. Nicht alles, was mit Emotionen verbunden ist, lässt sich immer steuern. Wir sind Menschen und das dürfen wir nie vergessen. Wir verursachen Schmerz, Freude, Liebe und Glück miteinander. All das bedeutet Leben.

Ich bin über mich hinausgewachsen und habe die Chance bekommen mich neu kennenzulernen. Ich habe in den vergangenen 5 Jahren Dinge gemacht, zu denen es innerhalb meiner Ehe nie gekommen wäre. Ohne Partner an meiner Seite bin ich förmlich explodiert.

Das Problem liegt gar nicht so sehr darin, dass uns Männer „kleinreden“. Das Problem liegt darin, dass wir es zulassen. Wir lassen es zu, weil es anstrengend ist zu kämpfen… innerhalb einer Partnerschaft. Weil die Meinung anderer Unsicherheiten und Zweifel auslösen und dann lässt man es halt lieber, weil man Angst davor hat zu scheitern und weil man Angst davor hat, dass der andere Recht behält und es einem immer wieder unter die Nase reibt.

Der Vorteil meiner heutigen Situation liegt in meiner alleinigen Entscheidungsfreiheit. Das ist übrigens Fluch und Segen gleichermaßen. Aber in der Regel ist es eher ein Segen.

Auf der anderen Seite kann ich aber auch nicht sagen, wie meine Ehe weitergegangen wäre, wäre nichts passiert. Vielleicht hätte ich das genauso schön empfunden, nur eben anders. Ich habe ja in diesem Leben dringesteckt und hatte bis 2015 auch nicht vor das aufzugeben. Es ist eben einfach passiert.

Ich weigere mich also zu sagen, dass die Trennung gut war oder einen Sinn hatte oder das es mir heute so viel besser geht. Ganz realistisch betrachtet, bin ich einfach nur einen neuen Weg gegangen und der fühlt sich, meistens, sehr gut an. Vielleicht wäre aber auch der alte Weg ok gewesen. Das ist einfach etwas, was ich nicht beurteilen kann.


Hand aufs Herz Andrea… wie siehts aus mit deinen Gefühlen?


Ich weiß es nicht mehr so genau, aber ich glaube, ich bin die ersten 2 Jahre nach der Trennung mit dem Gedanken an meinen Mann aufgewacht und eingeschlafen. Ich war richtig erschrocken, als ich irgendwann feststellte, dass es aufhörte. Es wurde immer weniger. Heute ist es komplett weg.

Eigentlich ist es fast ein bisschen erschütternd „was vom Ende übrig blieb“. Denn zwischen uns ist nichts übrig. Fast so, als hätte diese lange Zeit vorher nicht existiert. Gäbe es unseren Sohn nicht, wäre da gar nichts mehr. Er ist die einzige Verbindung, die noch etwas bedeutet. Das Glied, was uns – unfreiwillig – zusammenhält.

Genau diese Situation, also wenn Kinder da sind, erfordert unfassbar viel Größe und Mut. Denn an diesem Punkt ist man gezwungen sämtliche, persönliche Befindlichkeiten hinten anzustellen. Und das gelingt keineswegs immer.

Meinen Sohn „in diese andere Welt gehen zu lassen“ hat sich furchtbar angefühlt und es hat unglaubliche Ängste in mir ausgelöst. Trotzdem habe ich es zugelassen. Das war definitiv die größte aller Hürden und an diesem Punkt bin ich am allermeisten über mich hinausgewachsen.

Es fühlt sich ja schon schräg an, sich den eigenen Mann mit einer anderen Frau vorzustellen und das dann noch in Kombination mit dem eigenen Kind war für mich persönlich, wie die schlimmsten Folgen von Game of Thrones.

Rückblickend war Loslassen und Vertrauen ganz oft die Lösung. Wenn etwas gut war, kommt es zurück. Kommt es nicht zurück, war es nicht gut.

Von dem was mal war sind nur noch Erinnerungen übrig, die immer mehr verblassen. Ansonsten ist da einfach irgendwie nichts. Es fühlt sich an, wie ein luftleerer Raum.

Fakt ist… man überlebt das alles. Und man kann es sogar richtig gut überleben, wenn man – und ich werde nicht müde das zu sagen – sich auf sich selbst konzentriert und sich nicht in Wut und Verbitterung verliert. Damit sage ich nicht, dass man diese Emotionen nicht zulassen darf. Sie sind ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses, aber man darf sich eben nicht darin verlieren.

Viele Frauen schreiben mir auch, ich könne so unglaublich stolz sein, auf das, was ich alles geschafft hätte. Das ist immer ein bisschen merkwürdig für mich, auch wenn ich diesen Blick – von außen – auf mein Leben verstehe.

Denn für mich ist es einfach nur mein Leben, durch das ich mich tagtäglich irgendwie durchkämpfe. Mal gut, mal weniger gut. Es ist nicht besonderer, als die Leben von anderen. Jeder eben entsprechend seiner eigenen Rahmenbedingungen und meine heißen „Single und alleinerziehend“.

Auf Amazon Prime gucke ich gerade „The Affair„. Im Grunde ist die Basis der Geschichte meiner ganz ähnlich. Das Schöne an der Serie ist, dass alle Seiten beleuchtet werden und auch, wie jeder für sich selbst etwas wahrnimmt. Jeder lebt in in seiner eigenen kleinen Realität. Manchmal muss ich sehr lachen, manchmal ist es beklemmend oder auch sehr traurig.

Eine Trennung ist in jeder Hinsicht ein traumatisches Erlebnis. Im Übrigen eins, was ich mir in meinen kühnsten Träumen so nicht hätte vorstellen können. Ich hätte nie gedacht, dass die Verarbeitung so viel Zeit in Anspruch nimmt. Aber so ist das eben einfach mit uns Menschen und der Liebe. Dafür wurden schon ganze Königreiche vernichtet.

Jedenfalls bin ich weder erleuchtet oder ein besserer Mensch und ich weiß auch nicht, ob ich die Fehler nicht wieder genauso machen würde. Wenn ich irgendwas aus dieser Situation gelernt habe, dann das ich eigentlich gar nichts weiß und das Leben einen mit seiner Dynamik manchmal überrascht oder sogar gänzlich umhaut… positiv, wie negativ.

Es fühlt sich kurz merkwürdig an meinen Sohn hier abzusetzen. Während ich die restlichen 500 km alleine weiter nach Hause fahre, feiert er dort… mit den anderen… den Geburtstag seines Vaters. Kurz fühle ich mich wie ein Außenseiter. Ich setze ihn ab, in einem Leben, was mal meins war.

Ich überlege kurz, ob ich gratuliere. Alles in mir sträubt sich. Nicht aus Wut. Nicht aus Verbitterung. Es wäre gelogen. Die Glückwünsche wären gelogen. Ich schaffe es nicht diese Hürde zu nehmen.

5 Minuten später ist diese Situation schon wieder aus meinem Kopf verschwunden. Ich halte kurz an auf diesem Feldweg, der um das Haus herumführt, schalte einen Podcast ein und höre Tommi Schmitt und Matze Hielscher 2 Stunden lang über das Leben zu.


Eure Andrea

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