Wie die Konsumruhe mit Frl. Ordnung in einer Alnatura Papiertüte landete…

Wie die Konsumruhe mit Frl. Ordnung in einer Alnatura Papiertüte landete... Die inspirierende Sonntagskolumne im dreiraumhaus ist wieder online.

Neben „Helikoptergeld“ gehört das Wort „Konsumruhe“ zu meinen Lieblingswörtern 2019 und vermutlich wird das im kommenden Jahr auch so bleiben.

Wenn ich schon dachte, dass die vergangenen 3 Jahre mit ziemlich viel Gepäck daherkamen, dann sind die gegen 2019 trotzdem ein Witz. In Summe fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre das 4. Jahr das Ergebnis der letzten 3 Jahre.

Zwar gab es erhebliche Veränderungen in meinem Leben, aber von 2015 – 2018 war es eher so, als hätten die Veränderungen das Steuer in der Hand gehabt und Ende 2018 fing ich an selber zu steuern, also so richtig. Ich warf Ängste über Bord und ich konnte förmlich spüren, wie ich innerlich immer stärker wurde und parallel auch ein hohes Maß an Zufriedenheit einsetzte, die auch immer wieder mit einer guten Portion Gelassenheit daherkommt.


Was aber hat das nun mit „Konsumruhe“ zu tun?


Ihr kennt diesen Drang nach Kompensation. Shopping ist ein riesengroßes Thema und natürlich macht Shopping Spaß. Auch mir.

Mein persönliches Shoppingverhalten hat sich radikal verändert. Und es war keineswegs so, dass ich losging und mir das in mein Bewusstsein gehämmert habe. Es war ein langer Prozess, begleitet von vielen Faktoren. Größter Faktor ist dabei tatsächlich meine eigene Zufriedenheit. Ich brauche kein „Ding“ mehr um das kurze Gefühl eines Rauschs zu erleben.

Ich bummle zwar gern und gucke, aber die meiste Zeit kaufe ich tatsächlich nichts und wenn ich was kaufe, dann ist es sehr sehr gut überlegt.

Auf Mallorca habe ich mir einen Ring gekauft, den ich mir seit 18 Jahren wünsche. Den Moment werde ich nie vergessen. Ich ging mit Luca an dem Geschäft vorbei und schaute nur kurz ins Fenster und sagte zu meinem Sohn „den gibts hier nicht“. Wir waren schon 20 Meter vorbei und er redete auf mich ein und meinte „Mensch Mama, lass uns zurückgehen… du wünschst dir den schon so lange… du arbeitest so hart… hol ihn dir endlich“. Wir gingen zurück und natürlich gab es diesen Ring… er lag nur nicht aus. Ich sah mich dann in diesem Laden stehen, gemeinsam mit meinem Sohn und diesem Ring am Finger und der Kloß im Hals wurde immer dicker. Ich hatte mir genau diesen Ring vor 18 Jahren schon von meinem Mann gewünscht und nun stand ich da… mit Luca… und kaufte ihn selbst. Mir liefen noch in dem Geschäft die Tränen.

Wenn ich also was kaufe, dann hat das meist eine Symbolkraft. Meist steckt schon eine sehr lange Geschichte dahinter. Ich warte immer erst um mir wirklich sicher zu sein, dass es ein Wunsch ist und kein Ersatz. Also etwas, worüber ich mich wirklich sehr freue und es wertschätze. Ich habe sowieso das Gefühl, dass das Thema Wertschätzung mit jedem Jahr, was ich älter werde zunimmt… auch gegenüber materiellen Dingen.

Vergangenen Dezember war ich in London und am Flughafen nahm ich mir eine Duftkerze von Jo Malone mit. Ich überlegte sehr lange, schlich immer wieder um die Produkte herum und dann kaufte ich für umgerechnet ungefähr 43 Euro eine Duftkerze.

Was ein Preis.

Was ein Erlebnis.

Es war ein Fest der Verkäuferin beim Verpacken zuzuschauen. Die Kerze wurde, wie ein kleines Heiligtum behandelt und die Verpackung ist ein Traum.


Ich habe seitdem keine Duftkerze mehr gekauft.


Es ist fast ein Jahr her und Jo Malone steht immer noch in meinem Wohnzimmer und duftet an besonderen Abenden vor sich hin. Seitdem kann ich an jeder Duftkerze bei H&M, IKEA & Co. vorbeigehen, weil ich mir genau die gekauft habe, die ich so gern wollte.

Kaufen sollte einfach wieder etwas besonderes sein und wie schön ist es, wenn man das mit Erinnerungen verknüpfen kann und man z.B. eine Kerze anschaut und genau weiß, warum man sie gekauft hat. Nicht einfach so im Vorbeigehen… sondern ganz bewusst und mit einer Art „Kleinkindfreude“ im Bauch.


Stellt sich dieses Gefühl nicht ein… verlasse ich den Laden wieder (ich wünschte ich könnte das von Pasta und mir auch sagen).


Seit Anfang des Jahres verfolge ich die Konsumruhe von Denise alias Frl. Ordnung. Wer hier schon länger mitliest, kennt meine Begeisterung für dieses Thema und auch dieses Wort. Es fühlt sich nicht nach Zwang, sondern eben nach Ruhe an und mich hat das sehr inspiriert.

Denise hatte sich z.B. einen zauberhaften, grünen Mantel gekauft, der ihr ganz hervorragend steht. Über Wochen hing er an ihrer Kleiderstange Zuhause. Sie wollte ihn erst anziehen, wenn sie die Ausbildung zum „Inner Balance Coach“ abgeschlossen hat… das war ihr Geschenk an sich selbst. Was für eine wunderbare Geschichte… dieser Mantel wird immer eine Story haben… „dich hab ich mir geschenkt, weil…“

Konsumruhe bedeutet für mich nicht „Geiz ist geil“. Für mich bedeutet Konsumruhe


  • Geduld
  • Bedachtsamkeit
  • Bewusstsein
  • Klarheit


Und nein… ich bin ganz sicher nicht der Messias des bewussten Shoppings. Ich beobachte lediglich eine ganz große Veränderung bei mir selbst. Eine, die mich übrigens noch zufriedener macht, als ich es eh schon bin.

Es passiert mir tatsächlich hin und wieder, dass ich mich in in einem Laden meiner Wahl wiederfinde, den Korb vollmache und dann feststelle, dass ich davon nichts brauche oder es bereits in anderer Ausführung in meinen Schränken steht. Für den Handel ist das natürlich eine Katastrophe… für mich persönlich ein mentaler Sieg.

Im Frühjahr diesen Jahres gab es eine sehr lustige Situation. Ich brachte Luca zum Bahnhof. Er fuhr zu seinem Vater. Bevor er abfährt, essen wir meistens noch etwas gemeinsam und wenn der Zug den Bahnhof verlässt, fühlt es sich immer sehr einsam an. Kurz vorher war noch riesen Trubel und ist der ICE aus dem Blickfeld verschwunden, kehrt eine ganz merkwürdige Stille ein.

Ich stand dann so am Gleis und überlegte, was ich mit meiner Zeit nun anfange. Ich fühlte ein bisschen Trauer und Trotz und irgendwas Undefinierbares. Also wollte ich mir was Gutes tun. Ein absoluter Kompensationsklassiker – mir gehts nicht gut, also geh ich shoppen.

Ich fand mich bei Esprit wieder, mit dem Vorsatz „jetzt mal so richtig zu shoppen“. Ich probierte mich quer durch den Laden. Irgendwann war ich von mir selber genervt. Alles sah irgendwie schön aus, aber dieses Gefühl von Freude blieb völlig aus. Diese Aktion fühlte sich auf einmal völlig falsch an. Ich hing alles zurück.

Neben Esprit am Leipziger Hauptbahnhof ist Alnatura. Nach meinem missglückten Shoppingerlebnis, ging ich noch dort hinein um mir was für das Wochenende mit nach Hause zu nehmen. Ich verließ Alnatura mit einer braunen Papiertüte voller leckerer Sachen, war 50 Euro los und richtig glücklich. Als ich dann auf meine Straßenbahn wartete mit meiner braunen Alnatura Papiertüte in der Hand, musste ich richtig über mich selbst lachen… so weit war es also schon gekommen. Es macht mich glücklicher im Biomarkt einzukaufen, als im Klamottenladen.

Prinzipiell gehe ich mit einem großen Sättigungsgefühl durch unsere Innenstädte. Ich bin resistent geworden gegen Sale & Co.! Wem geht es noch so?

Ich kann diesem riesengroßen Shoppingwahnsinn einfach nicht mehr folgen. Ganz oft frage ich mich, wer das alles kaufen soll und schaut man sich dann am Ende das Jahres im Sale um, hängt meistens alles noch in allen Größen da. Dieses Überangebot überfordert mich völlig und ich habe auch das Gefühl, dass sich Händler mit Rabatten gegenseitig überbieten. Ich frage mich ganz oft, wo das hinführen soll. All das, was in unseren Geschäften hängt, braucht kein Mensch… was passiert damit, wenn es keiner kauft?

In jedem Geschäft werde ich mit Bonuskarten bombardiert und die Verkäuferinnen können meistens nicht verstehen, dass ich dankend ablehne. Ich möchte mich nicht dazu verpflichtet fühlen wiederzukommen, nur weil ich jetzt vielleicht 5 Euro Guthaben gesammelt habe und am Ende mehr Geld ausgebe, als ich es eigentlich wollte.

Gestern erst war ich in einer Buchhandlung unterwegs und dort waren mindestens 2 Tische gefüllt mit Büchern zum Thema Nachhaltigkeit und Co. – unfassbar, was man zu diesem Thema alles kaufen kann. Natürlich verstehe ich das Thema Business… ich mache es selber jeden Tag… nur irgendwie passt das für mich nicht zusammen… um nachhaltig zu sein, muss ich erstmal kaufen und am Ende geht es auch hier nur um Profit… es fühlt sich vielleicht nur im ersten Moment ein bisschen grüner an, aber ist es das am Ende auch wirklich? Versteht mich nicht falsch… natürlich finde ich Bücher zu diesen Themen toll und innovative Ideen auch… nur brauchen wir wirklich 20, 30, 50 davon?

Inspiriert zu diesem Artikel hat mich Denise mit ihrem Rückblick zum Thema Konsumruhe. Ich fühle mich durch Denise übrigens ständig inspiriert. Eine ganz wunderbare Folge von Netzwerk und Miteinander und wie schön ist es, wenn man sich Dinge annehmen kann. Ich finde es immer großartig, wenn Menschen Inspiration so rüberbringen können, dass man sich selbst nicht unter Druck fühlt, sondern es anpackt, weil man selber etwas verändern möchte.

Konsum ist nichts schlechtes. Wir machen es quasi täglich. Nur, wenn wir ehrlich sind, haben wir ganz oft die echte Freude daran verloren und das ist doch schade oder? Konsumruhe ist für mich ein ganz wunderbares Synonym für bedachtsames Shopping und was das für jeden von euch bedeutet, ist reine Auslegungssache.

Denise ist in ihrem Artikel mit einem Zitat von Julia Engelmann gestartet. Ich möchte meine Sonntagskolumne damit gern abschließen:

Was,
wenn die Dinge,
die ich suche
weil ich glaube, sie zu brauchen
Gar nicht sind
was ich will?

Julia Engelmann

Eure Andrea

6 Kommentare

  1. 29. September 2019 / 8:46

    mir ging es gestern genauso. mr.right und ich waren shoppen und er brauchte gefühlt alles. irgendwann schaute er mich mit großen augen an: „und du?“
    „ich brauche nix!“ und so ist es auch. ich brauche gerade nix. viel wichtiger ist es mit zeit mit menschen zu verbringen. das ist mir der größte luxus gerade und die größte freude!
    unser kleines speed date letzte woche zum beispiel, das war mindestens so gut wie shoppen gehen! nur in echt noch viel besser!
    dass das ganze noch etwas von nachhaltigkeit und konsumruhe hat, für mich nicht im vordergrund.
    und ja, ich habe wünsche, doch erfülle ich sie mir gerne, so wie du, zu besonderen anlässen!
    ich glaube, du hast mich jetzt, genau wie denise inspiriert.
    bald ist weihnachten. hast du wünsche?

    • Andrea
      Autor
      29. September 2019 / 9:07

      Liebe Bine, genauso geht es mir auch. Größter Luxus ist Zeit. Meine Mama hat mir das immer prophezeit. Wird man älter, fühlt sich Zeit endlicher an. Die Endlichkeit ist viel näher, als man das möchte. Ich denke, dass spielt eine große Rolle bei all diesen Veränderungen. Hinzukommt dieser Genuss Zeit mit Menschen zu verbringen, die einem richtig viel bedeuten. Am allerschönsten finde ich die Momente der Stille miteinander. Sitzen, gucken, inhalieren. So, wie mit Uta am Strand oder auch diese stillen Momente beim Frühstück auf Sylt… weißt Du noch? Wie gut, dass Du in meinem Leben bist… und ja, ich hab tatsächlich einen Wunsch… eine richtig schöne Businesstasche. Ich hab auch eine im Blick… vielleicht wird die mein persönliches Geschenk an mich an Weihnachten.

  2. Catrin Schulze
    29. September 2019 / 9:20

    Liebe Andrea, ich verstehe Dich nur allzu gut. Anfang des Jahres durfte ich Denise kennenlernen und wir haben meinen Kleiderschrank gemeinsam aufgeräumt (es gab auch einen Beitrag auf Spiegel. TV dazu). Unfassbar was für Anziehsachen ich hatte… wir haben ~50kg!!!!! Wäsche aussortiert 🙈. Von da an habe ich mir geschworen 2019 nichts zu kaufen. Ich halte mich immer noch daran und es fällt mir überhaupt nicht schwer. Ganz im Gegenteil, das Aufräumen hatte ein befreiendes Gefühl. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, bei Esprit & Co. hatte ich schon Platin-Status 😂. LG Catrin

    • Andrea
      Autor
      29. September 2019 / 9:24

      Liebe Catrin, danke für Deinen Kommentar. Ich weiß so gut was Du meinst. Auch ich habe dieses Jahr überall ausgemistet und es fühlt sich auch heute immer noch so richtig großartig an. Ja, den Platinstatus hatte ich auch mal. Das hat sich wirklich so radikal verändert… Wahnsinn. Schönen Sonntag. LG Andrea

  3. 29. September 2019 / 10:09

    Ich habe damals auch alles on Mass gekauft. Weil irgendwie jeden Tag Sald war. Man wird abgestumpft, und kauft und kaift..Problem: sie hingen im Schrank und hängen teils heute noch im Schrank. Hab mich dann Anfang des Jahres auf meine Konsumruhe eingelassen und reflektiert und angefangen ganz langsam auszumisten. Heute kaufe ich viel bewusster ein. Bei den Kerzen reduzier ich mich auf eine rituals Kerze die ich vor einem Monat ergattert habe. Eine bewusste Entscheidung, an die ich mich gut erinnern kann von Glücklich Sein. Und Gratulation zum Ring, manchmal brauchen wir auch einen Schubs von unseren Kindern, die alles nochmal komplett anders wahrnehmen

  4. 29. September 2019 / 13:59

    Was für ein wunderschöner Artikel liebe Andrea!

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