Manchmal hilft es (sehr) sich einfach zurückzudenken… um nach vorne schauen zu können…

Manchmal hilft es (sehr) sich einfach zurückzudenken… um nach vorne schauen zu können…

Mein Vater kam wegen eines schweren Unfalls ins Krankenhaus, als ich im allerbesten Teenageralter war. Ich hatte meinen ersten Freund, meinen ersten Sex und ich war verliebt. In meinem Universum existierte nur noch… Martin.

Meine Mama fragte mich, ob mich mit ins Krankenhaus möchte und ich entschied mich… für Martin. Heute, mit 42, ist diese Entscheidung kaum nachvollziehbar für mich, aber es entspricht (leider) der Realität.

Vergangene Woche musste ich wieder mal an diese Situation denken, die mich tatsächlich bis heute verfolgt. Ein bisschen ist dieser Sonntagsbeitrag, wie ein Brief an uns Mütter zu verstehen, die immer wieder über sich hinauswachsen und die Bedürfnisse der Kinder im voranstellen, selbst wenn wir denken, dass wir das nicht tun… z.B., wenn wir uns mal einen oder 2,3 Tage Auszeit gönnen und uns das klitzekleine, schlechte Gewissen immer im Nacken sitzt.

Letztens stand ich vor meinem Mülleimer in der Küche. Ich nahm den Müll raus, fummelte eine neue Tüte rein und ging behangen mit Einkaufstüten, Mülltüten und einem Beutel voller Leergut die Treppe hinunter und während ich da so vor mich hinging, dachte ich so „krass… das waren früher mal Aufgaben, die wir geteilt hatten“. Und dann beruhigt mich das immer ein Stück weit, weil klar wird, warum ich mich zeitlich manchmal so aufreibe. Und jetzt kommt bitte niemand und erklärt mir, dass man diese Aufgaben ja auch an den Nachwuchs delegieren könnte. Ich frag mich immer, was schlimmer ist… die ständigen Diskussionen oder sich mit Müllbeuteln zu behängen und es selbst zu machen. Mir fehlt einfach die Energie für eine tägliche Auseinandersetzung und Hausarbeit und Teenager bedeuten tägliche Auseinandersetzungen. Vielleicht ist das anders, wenn man als Eltern eine geschlossene Front bilden kann, aber ich für mich alleine, schaffe es nicht an allen Fronten zu kämpfen und ich weiß, dass das auch vielen Müttern in intakten Partnerschaften so geht.

Zurück zum Thema Krankenhaus. Nun ging es mir ja vergangene Woche selbst nicht ganz so gut. Aber ich glaube, Teenager nehmen das einfach kein Stück wahr. Nicht mal dann, wenn man es laut ausspricht. Nicht mal dann, wenn man es sehr laut ausspricht. Nicht mal dann, wenn man schreit und einen vollen Kulturbeutel wirft. In solchen Momenten möchte ich immer sehr lange wütend sein (und was mir nie gelingt!). Ich möchte dann sehr lange nicht mehr mit „diesem Teenager“ sprechen. Ich möchte ihn zu seinem Vater schicken… ein paar Wochen… damit ihm (hoffentlich) bewusst wird, wie sehr ich mir täglich den Hintern aufreiße. Und wenn diese paar Wochen dann vorüber sind, wird er mir ein Gedicht schreiben, bei YouTube einer seiner DJ Mixe widmen und mir sagen, dass ich unersetzbar bin und überhaupt die geilste Mama von der ganzen Welt.

Nichts davon wird passieren…

Zumindest jetzt nicht und auch nicht in absehbarer Zeit.

Es sind die kleinen, leisen Zwischentöne, die es am Ende immer wieder so einfach machen… dieses Miteinander zwischen Eltern und Kindern.

Ich selbst musste erst richtig erwachsen und Mutter werden um mich emotional in meine eigene Mama hineinversetzen zu können. Wie hat sie wohl gedacht und was haben meine Reaktionen manchmal in ihr ausgelöst? Vermutlich habe ich sie hin und wieder tief verletzt… ohne es wirklich zu wollen.


Die Pubertät ist eine der dramatischsten Phasen im Leben…


Diesen Satz habe ich mir aus dem Focus Online „geklaut“. Rationale Erklärungen helfen meistens weiter, vor allem, wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben. Natürlich gelingt das in emotional heiklen Situationen nicht immer. Wenn das innere Pferd mit uns durchgeht, denken wir meist nicht an Onlinestudien über Hirnforschung oder auch unsere eigenen dreckigen Unterhosen im Zimmer, als wir 13 waren.

Ich habe als Teenager einfach alles ausdiskutiert. Schrecklich! Ich weiß gar nicht, wie meine Mama das ausgehalten hat. Also „Danke Mama“, dass Du heute noch mit mir sprichst. Jungs hingegen schweigen einfach. Wenn ich meinen Sohn dann frage, was er denkt… dann sagt er „nichts“. Und das ist vermutlich tatsächlich so. Den Schwall an Wörtern kann ich mir in der Regel sparen. Bei uns ist es am hilfreichsten aus der Situation zu gehen und dann lösen sich meist alle Probleme von alleine auf. Klingt fast zu schön um wahr zu sein, entspricht aber der Realität. Natürlich muss ich hin und wieder meinen Schwall an „verärgerten Worten“ loswerden, sonst würde ich ja explodieren und das will nun wirklich keiner (allen voran ich selbst), aber ich hätte in Bommel & Hugo deutlich bessere Zuhörer… vielleicht ändere ich in Zukunft einfach die Strategie. Das gibt bestimmt sehr lustige Instastories, wenn ich die 2 Fellnasen auf dem Sofa platziere und Standpauken halte, die sie gar nicht persönlich betreffen.

Vor ein paar Wochen war mein Sohn mit seinem Vater in Belgien. Als er wiederkam, hatte er mir 2 Geschenke mitgebracht. Es waren 2 kleine Evian Wasserflaschen mit Kusmi Tee. Er kennt meine Vorliebe für schöne Verpackungen und er weiß (offensichtlich), dass ich Kusmi Tee liebe. Solche Kleinigkeiten passieren oft und unvermittelt. Alleine die Tatsache, dass er an mich denkt… in diesen – immer noch – ungewöhnlichen Situationen… lässt mich dann heulen, wie ein Schlosshund. Schrecklich wir Mütter oder? In einem Moment möchten wir sie zum Mond schnipsen und im nächsten Moment einfach nur festhalten… am besten für immer und ewig.

Ich weiß noch, als ich ihn – zum ersten Mal – für mich ganz alleine im Arm hielt. Ich werde diesen Moment nie vergessen. Die ersten Stunden im Krankenhaus waren sehr stressig und ich bekam ihn kaum zu Gesicht. Am nächsten Morgen brachten sie ihn ganz früh zu mir ins Zimmer. Niemand war da… nur er und ich. Da lagen auf einmal 49 cm lebenslange Verantwortung in meinen Armen und dieses Gefühl von Liebe überrollte mich, wie eine Lawine. Oh Gott… ich habe es so sehr genossen endlich Mama sein zu dürfen, kleine Füße zu küssen und Windeln zu wechseln. Und ich habe gezweifelt… an mir, ob ich das schaffen würde diesen kleinen Menschen groß zu bekommen.

Und dann denke ich natürlich auch an die vergangenen 4 Jahre zurück. Das war definitiv ein Kraftakt der Balance. Und die hatte ich nicht immer, weil ich selbst emotional zu angegriffen war. Ich frage mich manchmal, ob es diese Menschen, die sämtliche Emotionen vor ihren Kindern verbergen können, wirklich gibt?! Heute, wo Gefühle für meinen Ex-Mann keine Rolle mehr spielen, gelingt mir das zu fast 100 Prozent, aber es gab auch andere Zeiten. Und trotzdem ist es mir gelungen aus diesem 49 cm Bündel im Krankenhaus einen ordentlichen, jungen Mann zu machen.

Es ist doch so… faktisch mit der Geburt unserer Kinder, werden wir – fast täglich – von Selbstzweifeln begleitet. Warum macht er noch in die Windel? Warum läuft er noch nicht? Warum gibt er seinen Schnuller nicht ab? Heute wird das alles noch von Social Media angeheizt. Mich haben schon die „schlauen“ Diskussionen mit Freunden genervt. Dieses ständige sich miteinander zu messen hat es schon immer gegeben. Ich habe einen Nachmittag eine Krabbelgruppe besucht… danach nie wieder.

Heute bin ich dankbar, froh und glücklich über Frauen in meinem Leben, die nicht konkurrieren oder ihre Kinder glorifizieren. Sondern, dass wir sehr gern manchmal eine Selbsthilfegruppe gründen würden, unsere Teenager Kids alle in einem Raum einschließen und sich selbst überlassen, während wir Wellness für Körper und Seele auf Mallorca machen. Wir stärken uns den Rücken. Lachen gemeinsam und manchmal weinen wir auch und schöpfen wieder Kraft aus ähnlichen Erlebnissen und Erfahrungen. Es tut einfach so verdammt gut nicht allein zu sein, denn immer wieder stellt sich heraus, dass wir alle ganz ähnliche Dinge durchmachen und mit gleichem Glück und gleichen Zweifeln behaftet sind und am Ende bleibt immer dieses eine ganz große Gefühl der Liebe für unsere Kinder.

Ich hoffe, es entsteht hier nicht der Eindruck, dass es mir nur um Mütter geht, die alleinerziehend sind. Das ist keineswegs so. Die wenigsten Mamas in meinem Freundeskreis sind alleinerziehend. Liebe, Sorgen und Ärger sind für uns alle ganz ähnlich und völlig egal in welchem Beziehungsstatus wir uns befinden… wir alle machen einen großartigen Job ohne wenn und aber.

Wir Frauen möchten immer gern alles im Griff haben. Vielleicht sogar ein bisschen perfekt sein und dabei ist es verdammt hilfreich einfach auch mal loszulassen. Dieses Gespräch hatten wir vor kurzem erst in einer Gruppe von Frauen. Es ging darum immer zwischen den Stühlen zu stehen, vor allem in Konfliktsituationen. Ihr kennt das sicher, wenn Ihr mal wieder zwischen Eurem Kind und Partner vermitteln möchtet. Ich habe z.B. lange gedacht, ich müsse mich einklinken in die Beziehung zwischen meinem Sohn und seinem Vater. Weil ich für alle Seiten das beste wollte (was auch sonst)… ich vermittelte in die Richtung meines Ex-Mannes, ich vermittelte in die Richtung meines Sohnes. Es endete immer mit Streit, Unverständnis, Verletzungen… selbst wenn die Intention eines guten Ursprungs war. Ich habe aufgehört damit. Seitdem geht es mir besser und die beiden müssen ihre Themen alleine miteinander klären. Das ist es, was uns Frauen so schwer fällt. Einfach mal zuzugucken. Es nicht an uns ranzulassen. Wir verstehen irgendwie immer alle Seiten und bleiben am Ende auf der Strecke und haben deutlich länger damit zu kämpfen, als es die Situation eigentlich wert gewesen war.


Den Großteil unserer Probleme schaffen wir uns also selber… aber das wissen wir ja bereits.


Und nur weil wir etwas wissen, bedeutet das nicht, dass wir nicht immer wieder die gleichen Fehler machen (dürfen). Das wir manchmal Texte brauchen, die uns das Gefühl geben verstanden zu werden. So, wie es für mich wichtig ist, diese Gedanken immer mal wieder runterzuschreiben um meinen eigenen Kopf wieder geradezurücken und wirklich zu sehen und wahrzunehmen und sich nicht vom Leben überrollen zu lassen.

Für mich ist es oft sehr hilfreich zurückzublicken. Mich als Teenager zu sehen. Ich war kein Stück anders. Und dann aber auch zu sehen, dass die Liebe zu meinen Eltern ungebrochen ist. Das ich heute weiß, dass sie einen verdammt großartigen Job gemacht haben mit allen Höhen und Tiefen, die zu meistern waren. Das man auch als Erwachsener nicht alle Emotionen ausschalten kann und verletzte Gefühle nach außen trägt. Aber es dauert verdammt lange bis man das als Kind wirklich sehen kann. Ich vermute, die meisten von Euch geben mir recht, dass sich das oft schlagartig ändert, wenn man dann selbst Eltern wird. Dann kommen sie, diese vielen, kleinen Aha-Momente oder die Momente, in den man auf einmal exakt die gleichen Sätze sagt, wie die eigene Mutter. Das ist schon irgendwie verrückt. Schön verrückt.

Ich… für meinen Teil… kann es drehen und wenden wie ich will… Mutter zu sein ist für mich das größte, schönste und auch emotionalste Abenteuer. Ich kann nur hoffen, dass ich diesen Job gut mache. Manchmal zweifle ich daran, vermutlich tun wir das alle…

In der vergangenen Woche war ich in Gedanken oft bei der Mutter, die ihren Sohn auf so unfassbare Weise in Frankfurt am Bahnsteig verloren hat. Dieser Fall ist mir besonders nah gegangen und mir sind die Tränen gelaufen beim Lesen der Nachrichten. Ich bin mir sicher, dass sie sich Diskussionen über Essensreste im Zimmer oder die Sinnhaftigkeit von Fortnite wünschen würde. Wir ziehen so oft los mit unseren Köfferchen, stehen am Bahnhof und freuen uns auf unser Reiseziel… unvorstellbar wo so was enden kann.

Heute ist Sonntag und vielleicht schaffen wir es ja alle einfach nur das Miteinander unserer Familien zu genießen, den Rhythmus des jeweils anderen zu akzeptieren und sich darauf einzulassen. Das macht es nämlich sehr oft, sehr leicht.

Ich drück Euch ganz feste…

Eure Andrea

6 Kommentare

  1. Anja
    4. August 2019 / 10:14

    Hach, so wunderbar wahr und emotional geschrieben. Nachdenklich (das eigene Verhalten in der Teenager Zeit) und lustig (Situationen mit deinem Sohn).
    Zum Glück haben wir einen Hund, dafür auch drei Kinder 🙂

  2. Elke
    4. August 2019 / 10:41

    Liebe Andrea,
    vieles habe ich genauso erlebt mit unserer Tochter (und ich bin nicht alleinerziehend / es gibt auch Partner, die anderer Meinung sind und man sich verdammt alleine fühlt).
    Mittlerweile ist sie flügge und wir sind soo stolz auf sie – ein toller Mensch und so erfolgreich in ihrem Studium und Job. Man muss diese Zeit nur durchstehen, Ruhe bewahren, vieles gelassen sehen und sich schon mal auf die Zeit ohne Kinder vorbereiten. Loslassen, alles wird gut…
    Liebe Grüße
    Elke

  3. 4. August 2019 / 11:02

    Ich weiß genau was Du meinst. Erging mir mit meiner Tochter Hannah immer wieder, wo man gegen eine Wand geredet hat und nichts gebracht hat. Da kommt sie eindeutig nach ihrer Mutter. Sehe so viele Charakterzüge von mir in Sie. Und trotz dem Angeschreie und dem Gezicke, hat man sich am Ende umso inniger lieb. Umso erschreckender die Nachrichten aus Frankfurt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie es der Mutter in der Situation ergeht.

  4. Lynda
    4. August 2019 / 11:48

    Guten Morgen Andrea,
    was für ein schöner Text. Ich sitze gerade hier und mir laufen die Tränen. Ich hatte damals auch eine sehr intensive Zeit mit meiner Tochter. Heute wird meine kleine Enkelin 6 Jahre alt. Oft denke ich, warum meine Tochter es nicht besser macht als ich, ich gebe ihr doch schließlich immer alle Hinweise, weil ich doch weis was richtig und falsch ist in einer Erziehung!!!
    Weis ich das wirklich…, nein.
    Auch ich gucke oft zurück auf die Zeit mit meiner Mutter und denke was sie alles mitmachen musste und ich schäme mich heute dafür, leider kann ich es ihr mehr sagen. Und dann denke ich an meine Tochter und die unendlich bindungslose Liebe die ich für sie und auch für meine Enkelkinder habe.

    Ich werde heute mit anderen Augen auf den Geburtstag gehen, sie einfach in den Arm nehmen und meiner Tochter sagen wie lieb ich sie habe.
    Ich danke Dir für die Zeilen, die so tief sind.

    Liebe Grüße aus Düsseldorf
    Lynda

  5. Dana
    4. August 2019 / 15:09

    Danke für diesen Artikel. Danke dafür, dass Du uns an Deinem Leben teilhaben lässt, Danke für deine Ehrlichkeit.
    Ich lebe mit meinen beiden Söhnen 17 und 15 auch alleine und ja, es gibt da einen Vater, der gelegentlich Zeit mit Ihnen verbringt, doch all die andere Zeit, sind sie bei mir, auch wenn sie nicht mit mir sprechen, auch wenn jeder in seinem Zimmer sitzt, auch wenn niemand etwas von mir „will“, so spüre ich doch die stete Verantwortung und wünsche mich manchmal in die alte Zeit zurück (aber nur kurz :-). Ja, es ist nicht immer einfach, vor allem, wenn so wenig (mit mir) gesprochen wird und ich immer nur hoffe, dass alles gut wird und ich die richtigen Dinge tue. Insofern kann ich dich so gut verstehen und sende dir eine feste Umarmung zurück.

  6. Andrea
    6. August 2019 / 6:55

    Liebe Andrea,
    ein wundervoller, ehrlicher Text. Genauso ist es.
    Endlosdiskussionen mit dem Nachwuchs sind kontraproduktiv. Ich handhabe das genau wie Du (mit Müll etc.).
    Man muss auch einfach mal nur vertrauen und das Leben „sein-lassen“, also fließen lassen, ohne dauernd eingreifen zu wollen.
    Dein Sohn hat Dir ein liebevolles Geschenk mitgebracht, eine tolle Geste, weil Du hübsche Verpackungen so magst.

    Und sei gewiss……wenn man es genauso macht, wie Du es beschreibst, dann kann am Ende nur „Liebe“ dabei rauskommen…….alles braucht seine Zeit, so wie die Erkenntnis mit der Erkrankung Deines Papas im Teenie-Alter.

    Es sind Erfahrungen, die gemacht, gelebt werden müssen und genau das sollten wir unseren Kindern auch zugestehen.
    Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag und alles Liebe 🙂
    Andrea

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