Der Faktor Mensch

Der Faktor Mensch im Impfzentrum. Die Rolle der Medien in der Pandemie und wie die Realität im Impfzentrum wirklich aussieht.

Neben meinem Kopf geht der Wecker los. Orientierungslos und hundemüde taste ich im Dunkeln danach. Endlich ist er aus.

Nur einen kurzen Moment später, schalte ich mein kleines Licht an, mache mich auf den Weg in die Küche zur Kaffeemaschine.

Es ist 05:30 Uhr.

Während der Kaffee läuft, schaue ich aus dem Fenster. Es stehen schon Menschen an der Bushaltestelle und immer wieder frage ich mich, was sie wohl arbeiten und wie sie ihren Tag durchstehen, wenn sie schon so früh unterwegs sind.

Ich trinke meinen Kaffee, lese ein paar „Corona News“, springe unter die Dusche. Dann ist es an der Zeit für die Hunde. Futter in den Napf und ab vor die Tür und jedes Mal bete ich, dass es schnell geht. Die Zeit drängt bereits.

Im Übrigen verlasse ich nie das Haus ohne mein Bett aufzuschütteln und jedes Kissen an seinem Platz zu wissen. Das ist mein kleiner Luxus… wieder nach Hause zu kommen und sich in ein ordentliches Bett werfen zu dürfen.

Es ist 06:50 Uhr.

Ich laufe zum Parkplatz. Fahre los. Ein Teil der Schulen hat wieder geöffnet in Leipzig und ich brauche deutlich länger als sonst. 30 – 40 Minuten bis zur Messe sind keine Seltenheit.

Im Impfzentrum schließe ich meine Sachen weg, begrüße meine Kollegen, nehme mir aus dem Automaten Kaffee mit, checke die Pinnwand und dann gehts ab auf die Impfstrecke.

Es ist ein fortwährend dynamischer Prozess mit fast täglich kleinen und größeren Änderungen. Wir sind alle darauf eingestellt, reagieren flexibel, arbeiten uns blitzschnell in neue Vorgaben ein.

Die Schlagzahl der Impflinge hat sich verdoppelt. 3 verschiedene Impfstoffe müssen sorgfältig organisiert sein auf den Impfstrecken. Also haben wir uns für ein neues Prozedere am Eingang entschieden.

Es ist 08:00 Uhr.

Meine Kollegin und ich sitzen direkt im Eingangsbereich. Die Tür geht auf und es stehen – gefühlt – 100 Menschen in einer Schlange an unserem Tisch. Jeder muss online erfasst werden. Die Unterlagen müssen überprüft werden und wir weisen den Weg zur richtigen Impfstrecke.

Alle 3 Minuten vergibt das System, was irgendwo zentral betrieben wird, einen Termin. Die Menschen kommen aber zu den unterschiedlichsten Zeiten… viel zu früh, zu spät und oft alle auf einmal. Ein Phänomen, was sich nicht wirklich steuern lässt.

Mein Herz klopft. Lange Schlangen fühlen sich nicht gut an. Es fühlt sich aber auch nicht gut an in Stress zu verfallen. Hier stehen Menschen an unserem Tisch. Jeder hat ein Lächeln, ein Guten Morgen und Zuspruch bei Zweifeln verdient.

Es ist 08:05 Uhr.

Eine Frau steht an meinem Tisch und beschwert sich lautstark darüber, dass alles so schlecht organisiert sei. Nach 6 Wochen im Impfzentrum, 12 Stunden Tagen, dem Wissen um die Organisation dahinter… fällt es mir schwer nicht zu schreien.

Sie beschwert sich, weil sich die Türen erst um 08 Uhr öffnen, obwohl die Menschen schon vor 08 Uhr davor stehen würden. Welcher Supermarkt macht um 07:50 Uhr auf, wenn die Öffnungszeiten um 08 Uhr beginnen?

Ich schreie nicht, sage ihr aber, dass sie zum Glück mit ihrer Meinung eine Minderheit darstellt.

Eigentlich möchte ich nach Hause gehen. Mich überfällt ein Gefühl von Desillusion. Stattdessen atme ich tief durch, lächle so gut ich kann…

Der Nächste bitte.

Es ist 10 Uhr.

Ich nippe zum ersten Mal an meinem Kaffee aus dem Automaten, der in seinem Pappbecher neben mir steht.

Wir haben die lange Schlange in den Griff bekommen. Kaum jemand muss warten, wenn er zu unserem Tisch kommt. Ich wage eine kurzen Sprint zur Toilette.

Es ist 12:30 Uhr.

Wir werden am Eingang von Kollegen abgelöst und machen 30 Minuten Mittagspause.

Heute gibt es Brötchen. Ich esse eins mit Käse und die Mandarine, die in der Tüte liegt. Nach der Pause wechsle ich den Wartebereich.

Im Wartebereich bin ich „Schnittstelle“ zwischen Impflingen, den Ärzten und Impfschwestern. Manchmal bin ich auch Entertainer, damit der Warteraum bei Laune bleibt. Ich erkläre, tröste, nehme Aufregung weg, helfe. Ich versuche keine Pausen entstehen zu lassen, damit alle schnell dran kommen und nicht lange warten müssen.

Es ist 18:00 Uhr.

Ich bin immer noch im Wartebereich. Der Fitnesslevel meiner Uhr zeigt mittlerweile 18.000 Schritte und 13 km an. Einerseits freue ich mich über darüber, andererseits merke ich auch alle Knochen.

Es ist 18:30 Uhr.

Alle Impflinge sind versorgt. Alle Aufklärungsgespräche und Impfungen haben stattgefunden. Aktuell werden Termine von 08:00 – 18:00 Uhr vergeben. Wir sind 30 Minuten in Verzug. 30 Minuten! Bei knapp 800 Menschen.

Wir räumen auf. Packen Spritzenpakete für den nächsten Tag.

Es ist 20:00 Uhr.

Ich bin wieder Zuhause.

Mein Sohn holt mir den Topf mit den Nudeln von gestern aus dem Kühlschrank. Ich mache sie warm, hocke mich auf mein Sofa und die erste Nachricht, die ich öffne, ist von der LVZ:


Chaotische Zustände im Leipziger Impfzentrum


Epilog


Am 19. Februar 2020 habe ich keinerlei Gedanken an Corona verschwendet. Wir waren in Südafrika und Corona war nur etwas, was woanders passierte.

Ende Februar landeten wir wieder in Deutschland und Corona war immer noch etwas, was woanders passierte. Vermutlich habe ich sogar gedacht, dass es Deutschland auf keinen Fall treffen würde. Ich war ignorant und auch ein Stück weit arrogant.

Am 12.03.2020 fuhr ich sogar noch nach Sylt, um die geplanten Workshops umzusetzen. Am 15.03.2020 wurde die Insel abgeriegelt. Wir befanden uns im ersten Lockdown.

Seit 11 Monaten befinden wir uns in dieser Pandemiesituation. 11 Monate… furchtbar lang und doch auch irgendwie super kurz. 11 Monate, in denen unfassbar viel passiert ist. Es betrifft uns alle auf die ein oder andere Weise.


Es betrifft die ganze Welt.


Niemand hatte einen Leitfaden und doch musste einer erfunden werden. Für ein ganzes Land und auch immer mit dem Blick nach links und rechts… über die Grenzen hinaus.

Wer sein eigenes Leben neu sortieren muss, der weiß… 11 Monate reichen dafür nicht mal annähernd aus.

Wenn ich durch das Impfzentrum laufe, denke ich ganz oft, was das für ein Wahnsinn ist. Vor 11 Monaten war daran nicht zu denken und jetzt stehen in vielen Städten Deutschlands Impfzentren. Personal wurde eingestellt, Systeme geschaffen, die Umgebung aufgebaut. Ein Impfstoff/mehrere Impfstoffe wurden entwickelt. Von Montag bis Sonntag werden unzählige Menschen geimpft.

Heißt also für alle ist alles neu. Und neu bedeutet, dass es manchmal hakt. Das es nicht perfekt ist. Das sich Optimierungsbedarf erst im Laufe eines Prozesses zeigt.

Lehnt euch mal zurück. Atmet tief durch und versucht euch vorzustellen, was das alles für einen organisatorischen Aufwand bedeutet.

Es gibt viele, die das sehen. Und es gibt auch viele, die das nicht sehen. Der Staat hat zu liefern. Am besten sofort und in Perfektion und wenn das nicht funktioniert, gibt es ja immer noch die Medien.

Ich sehe niemanden darüber schreiben, was gut funktioniert. Ich sehe niemanden darüber schreiben, dass ein großer Teil meiner Kollegen aus stark gebeutelten Branchen kommt. Das wir alle in einem Boot sitzen. Das es Kollegen gibt, für die es wirklich schwer ist, weil sie ihre Berufe vermissen.

Wir stehen also jeden Tag auf der anderen Seite des Tisches und lächeln, sind freundlich, machen Mut. Jeden Tag. Und das obwohl jeder gerade seinen eigenen kleinen Kampf führt.

Niemand schreibt über die Menschen, die sich bedanken, die uns Briefe schicken, die voller Zuversicht die Messehalle 5 verlassen und sich freuen über so viel Empathie und Freundlichkeit.

Stattdessen lese ich von „Chaotischen Zuständen im Leipziger Impfzentrum“.

Seit 6 Wochen sind wir am Start. In 6 Wochen ist es einmal passiert, dass es zu Schlangen kam vor der Tür.


Der Faktor Mensch


Was die Menschen und die Medien vor der Türe nicht sehen können, sind Notfälle. Vielleicht fällt einer der Ärzte aus. Ein Impfling benötigt besondere Betreuung. Das System fällt aus. Vielleicht wurde ein neues Formular „erfunden“, was alle neu ausfüllen müssen. Es gibt solche Tage und es gibt solche Situationen. Wir kennen sie alle.

Wir tun, vor Ort, was möglich ist. Was im Rahmen der personellen Kraft liegt. Wir rennen, schieben, telefonieren, versuchen unsere Augen überall zu haben. Und wir lächeln. Wir lächeln, weil wir es wollen. Weil wir möchten, dass jeder mit einem guten Gefühl gehen kann.

Ein Artikel, wie der von gestern, ist ein Schlag ins Gesicht. Für jeden Kollegen vor Ort. Für die Bundeswehr. Für das DRK. Für alle im mobilen Einsatz. Die Ärzte. Die Impfschwestern. Die Security. Die Putzleute.

Es macht wütend. Es macht mich! traurig.

Wo bleibt die positive Berichterstattung. Der echte Blick auf eine gute Organisation und auf die Menschen dahinter, die jeden Tag alles geben? Brauchen wir wirklich noch mehr reißerische Überschriften?

Für uns bedeutet das doch nur noch mehr Probleme. Es gibt genügend Menschen, die dann schon mit einer entsprechenden Haltung auftauchen und uns den anstrengenden Arbeitstag noch schwerer machen.

Stattdessen verlassen uns aber 99 Prozent mit folgendem Satz:


„Ich bin überrascht, wie gut sie organisiert sind… das hätte ich gar nicht erwartet“.


Will das keiner lesen? Möchte wirklich keiner, in dieser Zeit, die guten Nachrichten lesen? Wollen wir wirklich nur diesen einen Tag rauspicken, der ein schwieriger Tag war?

Es ist doch so… in ein paar Monaten sind wir vergessen. Wenn genügend Impfstoff da ist, fragt keiner mehr. Dann liegen keine Reporter mehr vor der Türe und warten auf die nächste Schlagzeile. Dann sind Impfzentren genauso out, wie das Pflegepersonal, das medizinische Personal oder die Verkäufer an der Supermarktkasse.

Die 11 Monate der Pandemie könnte man auch in einem Buch medialer Überschriften darstellen. Allerdings würde es dann aussehen, als wäre die Welt kurz vorm Untergang.

Welche Rolle die Medien in der Pandemie spielen, ist mir in den vergangenen Wochen nochmal unglaublich verdeutlicht worden. Es gab so viele Berichte, die einfach nicht stimmten und uns vor Probleme gestellt haben. Und man kann sich nicht mal wirklich wehren, denn am Ende wollen alle nur die Schlagzeile, aber keiner will mehr lesen, wie es wirklich ist.

Manchmal möchte ich einfach aufgeben. Weil mich der Zweifel an uns Menschen nicht loslässt. Ich möchte irgendwo in die Einsamkeit und nichts mehr sehen oder hören.

Wisst ihr… ich sehe das übrigens so. Jeder, der momentan ein Impfangebot hat, ist in einer sehr glücklichen Situation. Wenn das also hin und wieder beinhaltet, mal warten zu müssen… dann ist das einfach so. Bei allen Einschränkungen, mit denen wir aktuell leben müssen, ist eine eventuelle Wartezeit auf eine Impfdosis sicher das geringste unserer Probleme.


Eure Andrea


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