Was also tun? #gegenmobbing

Mobbing - Was also tun? #gegenmobbing

Ich war 11 als Anja Birnbaum in mein Leben trat. Sie war der Neuzugang in meiner Klasse. Sie war ziemlich groß und nicht wirklich hübsch… zumindest sagen das meine Erinnerungen.

Anja Birnbaum mochte mich nicht.

Ihre Mutter war in der Partei. Und wer im Osten aufgewachsen ist, weiß was so was bedeuten kann. Erschwerend kommt hinzu, dass meine Eltern schon immer sehr antipolitisch unterwegs waren und sich zu DDR Zeiten damit keine Freunde machten.

1990 sprach noch niemand über Mobbing. Ich glaube, dieses Wort wurde überhaupt noch nicht verwendet. Aber es passierte. Vermehrt unter pubertären Mädchen und eine Zeit lang war ich das auserkorene Opfer von Anja Birnbaum.

Wenn wir morgens in die Klasse kamen, mussten wir unsere Jacken an Haken aufhängen. Meine Jacke hing alleine und verlassen da, weil Anja Birnbaum den Rest der Klasse dazu bewegte alle Jacken weit entfernt von meiner aufzuhängen.

Ich erzählte Zuhause nichts davon.

Bis sie mir irgendwann im Flur unseres Hauses auflauerten, auf mich einprügelten und ich klingelnd Hilfe bei Nachbarn suchte. Das war der Moment, in dem auch meine Eltern informiert waren und meine Mama sich wie eine Löwin einschaltete und die Schule zum Handeln zwang.

Vergangenes Wochenende bin ich mit meinen Eltern auf den Spuren unserer DDR Historie gewandelt und wir sind auch an meiner alten Schule vorbeigefahren, die direkt an der Straße liegt, in der Anja Birnbaum lebte.

Ich glaube, Anja Birnbaum hat mein Vertrauen in Freundschaften lange Zeit erschüttert. In dem Alter konnte ich das natürlich nicht wirklich greifen, aber ich habe über einen sehr langen Zeitraum Schwierigkeiten gehabt wirklich Freundschaften zu knüpfen. Diese Skepsis ggü. Menschen und mein damit verbundenes Bauchgefühl begleitet mich bis heute und in der Regel liegt mein Bauchgefühl richtig… nur manchmal höre ich nicht drauf.

Das hat sich etwas geändert. Die Trennung von meinem Mann hat dafür gesorgt, dass ich mich wieder mehr öffne. Auch dieser Job hier trägt eine Teilschuld daran, weil man einfach in ein riesengroßes Netzwerk stolpert und erstmal seinen Platz finden muss. Ohne Kommunikation und Miteinander geht es eben nicht und das ist, wenn es gut läuft, eine ganz wunderbare Sache.

Eigentlich bin ich eher ein Einzelkämpfer und eben auch ein Macher. Damit überrenne ich Menschen manchmal. Das weiß ich und ich arbeite daran. Aber ich bin eben auch ich und eben dieser Typ von Mensch, der nach vorn geht, nicht lange zackert und loslegt. Pragmatisch und lösungsorientiert beschreibt mich ziemlich gut.

Im Laufe der Zeit mit diesem Blog hier, habe ich auch begriffen, dass man es nicht allen recht machen kann. Nicht mal sich selbst. Manchmal schieße ich übers Ziel hinaus, aber auch das hat sich im Laufe der letzten beiden Jahre gelegt. Meine Mama hat es immer prophezeit… man wird ruhiger mit dem Alter. Ihr hättet mich vor 10 Jahren kennenlernen sollen… an mir ist eine kleine Italienerin verlorengegangen.

Außerdem bin ich ein Kämpfer, aber nicht um jeden Preis. Ich weiß sehr genau, wann es sich lohnt und wann nicht. Deswegen habe ich z.B. auch nicht mehr um meine Ehe gekämpft. Ich habe gehofft… aber nicht gekämpft… das ist ein Unterschied. Manchmal ist es einfach vorbei und dann dauert es noch eine Weile bis Herz und Kopf im Einklang sind.

Das Thema Mobbing beschäftigt mich schon sehr lange aus den unterschiedlichsten Beweggründen. Es hat was mit bewerten und verurteilen zu tun. Vor allem mit vorverurteilen. An den Pranger stellen in Unkenntnis aller Tatsachen oder man verschließt einfach die Augen vor den Tatsachen… dazu muss man nur mal einen Blick auf das Thema „Corona Verschwörung“ werfen.

Menschen „an den Pranger zu stellen“ ist eine wirklich heftige Sache, weil es Konsequenzen aller Art nach sich ziehen kann. Angefangen von der Psyche bis hin zu beruflichen Einschränkungen, weil einfach das gesamte Umfeld in Mitleidenschaft gezogen wird. Ein sehr gefährliches Terrain und niemand ist dabei Gewinner oder Verlierer. Es frisst einfach nur Energie und Lebenszeit, die man deutlich besser verbringen könnte.

Vor ein paar Wochen gab es diesen Fußballer, der sich bezüglich der Corona Maßnahmen nicht richtig verhielt und sich auch entsprechend dazu äußerte. Ich glaube, er tat das in einem „vermeintlich geschützten Raum“, nämlich in der Umkleidekabine seiner Mannschaft. Ein Video von seinen Äußerungen wurde veröffentlicht und sorgte für Schlagzeilen. Er wurde suspendiert.

Ich habe dieses Video gesehen und fand echt scheiße, was er da machte. Ich hatte mein Urteil anhand einer kurzen Sequenz im Internet gefällt.

Kurze Zeit später las ich ein Statement von ihm dazu. Vermutlich haben das die wenigsten Leute gelesen. Denn wichtiger ist ja immer die Schlagzeile.

Ich las folgenden Satz von ihm:


Ich bin mehr als die 5 Minuten, die dort von mir gezeigt werden.


Das war der Moment, in dem ich mich schämte. Ich war mal wieder in diese Falle getappt. Anhand weniger Informationen hatte ich mir ein Bild über einen Menschen gemacht, den ich gar nicht kenne. Ich hatte ihn anhand eines kleinen Fehlers beurteilt und verurteilt.

Ich mag diese Eigenschaft an uns Menschen nicht. Ich mag sie an mir nicht. Es passiert mir immer noch viel zu häufig und ich frage mich auch, ob man das jemals ganz ablegen kann.

Auf Apple TV läuft gerade eine sehr gute Serie. Sie nennt sich „Verschwiegen“ und ich kann sie wirklich weiterempfehlen. Pro Woche wird eine neue Folge ausgestrahlt und ich leide sehr mit, mit dieser Familie, die aufgrund eines Mordes im Fokus der Öffentlichkeit steht. Es fällt mir sehr schwer mit anzusehen, wie aus 3 fröhlichen Menschen, Personen werden, die nicht mehr lachen können und jedem Tag nur noch mit Angst begegnen. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ ist auch ein Paradebeispiel für die Konsequenzen von Mobbing. Fakt ist… dieses Problem wird deutlich mehr thematisiert, als früher. Ob sich dadurch etwas ändert? Schau ich mir die Kommentarspalten bei Facebook an, muss ich daran leider zweifeln.

Jemand, der „mobbt“ empfindet das übrigens nicht so. Bemerkungen oder Handlungen werden kleingeredet. Drohungen sind nicht wirklich Drohungen und oftmals passiert all das unter einem eigenartigen Deckmantel einer vermeintlichen Anonymität, die so aber gar nicht existiert. Nicht mal dann, wenn keine Namen genannt werden. Es kennt immer irgendwer, irgendwen, der wiederum den kennt… Mobbing verbreitet sich auch ohne Konkretisierung. Unsere Welt ist, dank Social Media, deutlich kleiner geworden.


Mobbing ist nicht per Gesetz definiert. Allerdings versteht die Rechtsprechung darunter eine systematische, zielgerichtete Persönlichkeitsverletzung und/oder Gesundheitsbeeinträchtigung.

Ein charakteristisches Merkmal vom Mobbing ist, dass eine als unterlegen angesehene Person zur Zielscheibe wird und sich die Anfeindungen meist über einen längeren Zeitraum hinziehen.

Zitat von hier


Ich habe mich dazu viel belesen und viele Dokumentationen geguckt. Nicht, weil ich so sensationsgeil wäre, sondern weil ich verstehen wollte, welchen Weg man mit potentiellen Angreifern gehen muss.

Und darin liegt auch das größte Problem. Ich habe diesen Weg nicht gefunden. Ich würde sehr gern eine Anleitung liefern, was man tun muss, aber die gibt es so einfach nicht. Offizielle Wege sind in jedem Fall Rechtsbeistand und Strafanzeige bei der Polizei. Im Vorfeld Beweise sammeln.

Das ändert aber nichts daran, was das macht. Mit denen, die betroffen sind. Mobbing macht Menschen kaputt und vermutlich geht es nur darum. Zumindest würde ich das Erwachsenen zuschreiben. Kinder und auch Teenager können die Tragweite von Bemerkungen oder Taten nicht wirklich einschätzen.

Ich bin gerade selber betroffen in meinem persönlichen Umfeld. Jeder Schritt zurück führte eigentlich ins genaue Gegenteil. Klappe halten und das Fegefeuer über sich ergehen lassen, sorgt alle 2 Wochen für neue Aktionen, die sich gezielt auf mich, mein Leben und auch mein Umfeld richten.

Tatsächlich ist es so, dass ich es erst gar nicht als Mobbing verstanden habe. Aber genau das ist es und beeinflusst seitdem meinen Alltag.


Was also tun?


Zugeben, dass es was mit mir macht? Natürlich tut es das. Es macht mich krank. Es macht mir Angst. Und es hört nicht auf.

Persönliche Gespräche, Rückzug, Zugeständnisse… haben nicht zum Erfolg geführt.

Als ich 11 war, fragte meine Mama mich, ob sie was tun soll. Denn das bedeutete ja vor der gesamten Klasse zugeben zu müssen, dass ich leide und das meine Eltern mir helfen müssen. Ich habe das damals zugelassen und ihre Hilfe in Anspruch genommen und es war richtig so.

Ich habe also verstanden, das nichts zu tun auch zu nichts führt und das ich mich nicht von der Angst vor weiteren Angriffen leiten lassen möchte.

Es ist für mich heute ein wenig so, als würde ich vor meiner Klasse stehen. Laut auszusprechen, dass es mir nicht gut geht kostet Kraft. Nicht zu wissen, wann es endlich aufhört, kostet Kraft.

Aber nichts zu tun… kostet noch mehr Kraft.


Eure Andrea

7 Kommentare

  1. Antje
    29. Mai 2020 / 19:13

    Danke liebe Andrea für deinen Mut das auszusprechen.
    Ich hoffe es wird auch diesmal für dich einen Weg daraus.
    Alles Liebe für dich und viel Kraft.

  2. 29. Mai 2020 / 23:15

    Liebe Andrea!
    Wieder einmal kann ich dir nur zustimmen!

    Ich zweifle auch manchmal an uns Menschen, an dieser Selbstherrlichkeit, Selbstgefälligkeit, die dazu führt andere zu verurteilen oder ihnen unsere Maßstäbe überstülpen zu wollen ( interessant, ich schreiben gerade an einem Blogartikel über den Wert „Verbundenheit“ und habe genau das dort auch geschrieben😊)

    Ich bewundere deinen Mut, damals und heute und schicke dir auf diesem Weg viel Kraft und Menschen, die sich dir verbunden fühlen und dich stützen, bestärken und manchmal vielleicht auch einfach nur ablenken, deinen Fokus auf andere Dinge lenken!

    Liebe Grüsse,
    Iris

  3. Alexandra
    29. Mai 2020 / 23:22

    Liebe Andrea, ich bin so fassungslos und hoffe sehr, dass du Unterstützung hast und dir dein Leben von diesen Menschen nicht kaputt machen lässt. Ich wünsche dir viel Kraft.
    Alles Liebe, Alexandra

  4. 30. Mai 2020 / 8:46

    Ich sehe mich manchmal auch zu schnell in der Rolle alles vorher zu verurteilen, in Schubladen zu denken. Es hat eine Zeit gebraucht, um dieses Denkmuster loszuwerden. Und hat mich so viel weitergebracht. Ich wünsche Dir auf deinen Weg nur das Beste, und das Du Dich davon nicht unterkriegen lässt! Meine Mutter hat mir mal beigebracht : was sich gerade wie die Höhle auf Erden anfühlt, könnte später ein Geschenk für deine weiteren Entscheidungen sein. Und das erlebe ich immer wieder

  5. Rast Renate
    1. Juni 2020 / 23:00

    Liebe Andrea
    Du bist eine ganz tolle und mutige Frau!
    Viel Kraft und alles Liebe
    Renate

  6. Rast Renate
    2. Juni 2020 / 8:36

    Liebe Andrea, ich schätze deine ehrlichen Texte und deine wunderbaren Fotos sehr!
    Einen wunderschönen Tag wünsch ich dir
    Renate

  7. Annette
    3. Juni 2020 / 6:33

    Liebe Andrea! Ich finde es sehr mutig und richtig von Dir, diesen öffentlichen Weg zu gehen. Jeder sollte sich mal hinterfragen, wie schnell man jemanden in eine „Schublade“ steckt!
    Ich habe immer mehr den Eindruck, dass viele Menschen sich nicht an dem Glück anderer erfreuen können. Da ist so viel Neid im Spiel… warum?
    Ich wünsche Dir eine „gesunde“ Abwehr, dass diese Situationen Dich nicht fertig machen!

    Ich freue mich über Deine Beiträge, Deine super-schönen Fotos, Deine positive Art…😊!

    Schön, dass es Dich gibt!
    Annette

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