Briefwechsel: Du bist mein Zuhause… oder der Tag, als ich auf dem Bahnsteig stand und dem Zug nachblickte…

Briefwechsel: Du bist mein Zuhause… oder der Tag, als ich auf dem Bahnsteig stand und dem Zug nachblickte…

Liebe Denise

 

eigentlich hattest Du mir ja eine andere Frage gestellt. Eigentlich wollten wir in diesem Briefwechsel über Partnerschaften sprechen und ob sie funktionieren, wenn man sich auf unterschiedlichen, intellektuellen Ebenen bewegt.

Aber Briefe sind ja auch dazu da, über Themen zu schreiben, die einen ganz aktuell bewegen oder anders formuliert… Themen, die eine gewisse Tiefe mit sich bringen und die für mich immer wieder mit Emotionen behaftet sind, die ich selbst hinterfrage. Ich hinterfrage sie für mich, weil ich mich besser verstehen will und mit vielen Dingen einfach einen besseren Umgang finden möchte… auch um mich selbst zu schützen.

Es war eine ganz komische Woche für mich. Aus rein emotionaler Sicht. Manchmal gibt es sie noch diese Tage, an denen ich ein wenig grüble oder versuche zu verstehen, warum Menschen sich so oder so verhalten und welchen Weg man gehen kann um einen Zugang zu finden. Interessanterweise gelingt das nicht immer. Würde das gelingen, gäbe es ja auch keine Kriege mehr. Dann hätten wir gelernt, wie wir miteinander kommunizieren können, ohne das es den jeweils anderen vielleicht verletzt.

Lass mich Dir also einfach erzählen, wie es mir so ging in den vergangenen Wochen und welche Gedanken sich Freiraum verschafft haben. Vielleicht schaffe ich auch für mich so wieder ein Stück Klarheit. Die Struktur des Schreibens und anderen Menschen zu erzählen, wie es wirklich in einem aussieht, hat für mich einen fast therapeutischen Lerneffekt. Und ich wünsche mir, das es Menschen gibt, denen das hilft, weil sie sich vielleicht für ihre Gefühle oder Gedanken schämen und sich fragen, ob sie “richtig” sind. Aber all diese Dinge sind ein Prozess und am Ende des Tages zählt nur, welchen Weg wir gegangen sind und wie wir diese Energie, sei sie noch so negativ, positiv für uns nutzen konnten.

Ich bin mir gar nicht sicher, wie es bei Dir so war. Aber vermutlich können wir die vergangenen 3 Jahre in verschiedene emotionale Stationen einteilen. Ich weiß noch, dass ich relativ froh darüber war, nicht sofort mit einer neuen Partnerin konfrontiert gewesen zu sein. Der Gedanke daran war für mich sehr beängstigend. Und dann kam dieser Tag doch irgendwann und erstaunlicherweise übersteht man das.

Noch größer aber war die Angst vor dem Tag irgendwann meinen Sohn “dorthin” gehen zu lassen. Wir haben beide viel Zeit gebraucht, bis wir an dem Punkt waren und als ich merkte, dass er so weit ist, ließ ich ihn – selbstverständlich – gehen.

 

Das ist ein ganz schreckliches Gefühl.

 

Man weiß genau, was richtig ist und würde am liebsten das komplette Gegenteil tun. Erwachsen zu sein oder Eltern zu sein, schützt ja nicht vor einem emotionalen Desaster und manchmal hatte ich einfach das überwältigende Bedürfnis nicht mehr stark sein zu wollen. Und vermutlich weißt Du das selber gut genug… diese gesamte Situation, also nach einer Trennung und wenn dann noch Kinder im Spiel sind, erfordert unfassbar viel Stärke. Rückblickend war ich, wie so ein Bagger, der unaufhaltsam Stein für Stein für Stein beiseite geräumt hat. Ich musste immer wieder meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse hinten anstellen, weil ich weitermachen musste und ich wollte das es uns geht und vor allem wollte ich, dass mein Sohn glücklich sein darf. 

Mein Sohn war für mich der Motor. Ich konnte und wollte mich nicht hängen lassen oder hysterisch in der Vergangenheit kleben bleiben. Ich wollte unsere Zukunft gestalten und irgendwie ist mir das sogar gelungen.

Und trotzdem stößt man ja an seine Grenzen. Der Faktor Mensch bleibt und nicht jede Emotion konnte ich verstecken. Neben dem festen Willen nach vorne zu schauen, bleibt ja trotzdem erstmal der Schmerz über den Verlust, vielleicht sogar möglicher Liebeskummer und all das wird begleitet von verschiedenen Ängsten. 

In den Medien liest man ja immer wieder von diesen tollen Patchworkfamilien und wie großartig das alles funktioniert. Man feiert Weihnachten, Ostern und Geburtstage zusammen und überhaupt… alle haben sich irgendwie lieb. Was ich eigentlich noch nie gelesen habe… ist… wie es sich wirklich anfühlt und mit welchen Schwierigkeiten das verbunden sein kann und welche emotionalen Hürden genommen werden müssen. 

Hättest Du mir vor 3 Jahren mal erzählt, dass ich meinen Sohn mal zu der Frau schicken würde, die das Doppelleben meines Mannes war und nun die Frau an seiner Seite ist… ich hätte das konsequent ausgeschlossen. NIEMALS würde ich das zulassen. NIEMALS! Aber man lässt es zu. Warum? Weil es nicht um mich geht. Es geht nicht um mich, sondern um die Bedürfnisse unseres Sohnes. Es hat Momente gegeben, in denen habe ich das immer wieder laut vor mir selbst sagen müssen um das emotional zu überstehen. 

Beim ersten Mal hatte ich eine Mauer um mich herumgezogen (Donald Trump wäre mein bester Freund) und ich ließ es nicht an mich heran, dass er wegfuhr. Ich brachte unseren Sohn zum Bahnhof und fühlte einfach… nichts. Ich wollte auch gar nichts fühlen. Ich hatte unendlich viel Angst. Und vermutlich machte ich auch ganz viel falsch, aber was ist schon richtig und was ist falsch in solch einer Situation?! Der Zug fuhr aus dem Bahnhof raus und ich stand noch Minuten lang da und blickt ihm nach. 

Das ist nun 2 Jahre her und ich hatte keine Möglichkeit mich daran zu gewöhnen, weil es ständig irgendwelche Unterbrechungen gab. Im Klartext bedeutet das, unser Sohn war im Grunde die letzten 3 Jahre fast ausschließlich bei mir.

Zwischenzeitlich ist er ein stattlicher Teenager geworden, der mich um 5 cm überragt und der ohne Umschweife seine Meinung sagt. Seit kurzem befinden wir uns wieder in exakt der Situation, wie vor 2 Jahren. Mittlerweile hat sich mein Kummer über den Verlust unserer Ehe in Luft aufgelöst und ich kann die gesamte Situation entspannt ertragen und bin froh darüber, dass dies gute 500 Kilometer entfernt von mir passiert. Manchmal kann Abstand nicht groß genug sein.

Es geht ihm gut dort, wenn er dort ist und das beruhigt mich. Wir sprechen viel darüber, weil es für uns beide immer noch sehr merkwürdig ist. Da ist mein Sohn, der mir nicht weh tun will und da bin ich, die ihm klarmachen muss, dass er mir nicht weh tut, wenn es ihm dort gut geht. Aber wir sind auch sehr ehrlich miteinander. Er wird 15 und weiß ziemlich genau, wie ich ticke. Man ist als Mutter emotional hin und her gerissen… einerseits will man unbedingt, dass es dem eigenen Kind gut geht und dann wünscht man sich andererseits, dass er nach Hause kommt und erzählt, wie schrecklich dort alles ist. Als Mama möchte man unersetzbar sein und abgöttisch geliebt werden. Ich glaube, es ist sehr wichtig sich diese Emotionen bewusst zu machen, auch die negativen Emotionen, die sicher ganz normal und menschlich sind. 

Weißt Du, alle reden immer davon, wie man sich verhalten soll und was angemessen wäre, aber niemand redet darüber, wie sich das so in echt anfühlt und ob man in der Realität auch dazu in der Lage ist. Als ich mein erstes Kind verlor, hörte ich immer wieder “das sei ja nicht ganz so schlimm, war ja erst 11. Woche”. Ich fühlte mich mit meiner Trauer komplett alleine und unverstanden. Als damals einer Freundin das gleiche passierte, fand ich endlich jemanden, der verstand, wie es mir ging. Das hat geholfen. Endlich über diese Trauer offen reden zu können, hat geholfen.

Vergangene Woche traf ich mich mit einer ganz lieben Freundin zum Lunch. Ihr Sohn ist 17 und ein ganz zauberhafter, junger Mann. Er hat eine Freundin und vermutlich fühlt sich das ganz ähnlich an. Wir unterhielten uns lange darüber und es waren ganz wunderbare Geschichten über die Gefühle von uns Müttern. Wir blickten uns an und jede von uns wusste, wie es uns damit geht. Wie tief diese Bindung und Liebe ist und was das manchmal auch für Ängste mit sich bringt. Man muss anfangen loszulassen und zwar völlig egal in welche Richtung sich das bewegt. Und manchmal wird dann das Herz ganz schwer, weil man den wohl wichtigsten Teil seines Lebens loslässt und genau an diesem Punkt haben wir Frauen die Möglichkeit, Platz für etwas neues, großartiges zu schaffen.

Ich finde tatsächlich, dass wir eine Menge Hochachtung vor uns selbst haben dürfen. Unsere Ehemänner haben sich umorientiert und auf einmal ist man alleinerziehend und muss das Scheitern irgendwie verkraften und wird mit Herausforderungen konfrontiert, die man vorher nicht mal annähernd für möglich gehalten hätte. Und dann gucke ich mir Dich so an und ich gucke mich so an und sehe 2 Frauen, die darüber hinausgewachsen sind. 

Auf Netflix habe ich Doctor Foster geguckt. Eine britische Serie über eine Frau, die nach 15 Jahren Ehe feststellt, dass ihr Mann ein Doppelleben führt. An der ein oder anderen Stelle, könnte man meinen, die haben meinen Blog gelesen. Offensichtlich läuft einfach immer alles nach Schema F, selbst im Fernsehen. Ich habe nur halb interessiert angefangen und dann hat sie mich doch gepackt, aber nicht wegen dieser Fremdgehgeschichte. Ich glaube sogar, dass ist der Punkt, den man am schnellsten hinter sich lässt. Viel interessanter war die Seriensequenz 2 Jahre später. Also alles hatte sich eingependelt. Er war weg und sie lebt mit ihrem 15-jährigen Sohn alleine. Erstaunlicherweise zeigt die Serie sehr plastisch, wie das realistisch aussieht und was es bedeutet sich emotional immer wieder mit dieser Situation befassen zu müssen, weil es ein Kind gibt, was einen verbindet. Das ist eine riesengroße Herausforderung. Ich dachte immer, so was wäre einfacher bzw. würde nicht so lange Zeit in Anspruch nehmen und wenn man selbst nicht mittendrin steckt, hat man ja auch immer prima Ratschläge… Du kennst das sicher.

Auch 3 Jahre später wird mein Selbstvertrauen – kurzweilig –  in seinen Grundmauern erschüttert. Das sind, wenn es denn mal vorkommt, immer ganz kleine intensive Momente. Ich lasse sie dann auch zu und beschäftige mich mit mir selbst und versuche zu erkennen, welchen Weg ich nehmen kann und es gelingt mir immer mich da wieder hinaus zu manövrieren. Auch bedingt durch die Tatsache, dass es Menschen gibt, denen ich erzählen darf, wenn es mir auch mal nicht gut geht. Ich finde es sehr wichtig, Traurigkeit auch einfach mal zuzulassen. Es reinigt die Seele und wenn der Schleier verschwindet, sieht man wieder klar. Jedenfalls geht es mir so.

Vor 2 Wochen kam Luca zurück von seinem Vaterwochenende. Sie hatten die gesamte Zeit in dieser neuen Familienkonstellation verbracht. Frau, Mann, 2 Kinder. Alles, was sie zusammen unternahmen, war eine Kopie unseres alten Lebens. Gleiche Orte, gleiche Museen, gleiche Restaurants. Ich konnte gegen dieses aufkommende Gefühl nichts tun. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals und es ploppten die Tränen. Ich fühlte mich auf einmal so unkomplett und als ob ich niemals genug für meinen Sohn sein könnte. Ich kann vieles, aber ich kann keine komplette Familie ersetzen und das ist auch nicht mein Anspruch. Das sind kurze Momente, die eine Art Urangst auslösen, weil man nicht dieser gesellschaftlichen Norm entspricht, die überall vorgelebt wird. 

Viele missverstehen das als Trauer um den Partner oder das man nicht alleine sein kann oder will oder das man über all das nicht hinweg ist. Das ist totaler Quatsch. Jeder der das denkt, sollte sich kurz zurücklehnen und einfach mal in sich hinein hören. Diese Gedanken sind völlig normal, wenn man sich mittendrin befindet. Wie in jeder emotionalen Ausnahmesituation.

 

Man darf diese Gedanken denken, man darf Angst haben, man darf traurig sein.

 

Jedenfalls war meine Angst über mein mögliches Versagen als Mutter offensichtlich sehr greifbar. Mein Sohn kam auf mich zu, nahm mich ganz fest in den Arm (und das kommt äußerst selten vor in diesem Alter) und sagte:

 

Du bist mein Zuhause und das wird sich niemals ändern.

 

In diesem Moment konnte ich das Buch schließen. Es war nur ein ganz, ganz kleiner Moment, aber er war echt und ich wusste, ich muss mir nie wieder Sorgen darüber machen. Ich kann ihn gehen lassen, weil es zwischen uns nichts ändert.

Danke fürs Zuhören Denise.

 

Andrea

 

9 Kommentare

  1. 14. April 2019 / 8:26

    „…Alles, was sie zusammen unternahmen, war eine Kopie unseres alten Lebens…“ Oh Gott, ich kann das so sehr nachempfinden…zumal mein Noch-Ehemann keinerlei Veränderungen mag und mich letztendlich nur durch eine „Kopie“ ersetzt hat.
    Ich finde euren „Briefwechsel“ ganz wunderbar…vor allem Eure Offenheit. Diese Offenheit stößt nicht immer auf Verständnis. Als ich auf meinem Blog über meine Trennung geschrieben hatte, wurde mir im Familienkreis sofort „öffentliche Nabelschau“ vorgeworfen, obwohl ich kaum in Details gegangen bin.
    Eine Trennung ist immer sehr schmerzlich…für alle Beteiligten. Manchmal muss man sich das einfach von der Seele schreiben. Und so einige Leser werden dann zustimmend nicken und bei sich denken…ja, genauso habe ich das auch erlebt. Man ist nicht allein damit.
    Liebe Grüße.

  2. Alexandra
    14. April 2019 / 8:36

    Liebe Andrea,
    mittendrin schon wässrige Augen, zum Schluss Tränen, die nur so kullern.
    Und ich lass die jetzt …..
    So treffend und bewegend geschrieben,
    jede Nuance wieder gespürt,
    obwohl es sich schon lange eingependelt hat und wir eine wunderbare Patchwork Familie sind.
    Dennoch…..ja, diese Gefühle sind da, genau so.
    Und stecken wohl immer,
    Danke dir 💚
    Alexandra

  3. Anne
    14. April 2019 / 8:48

    Tränen am Sonntagmorgen. Aber es sind “gute” Tränen. Danke dafür.
    Meine drei Töchter schlafen noch. Jetzt bereite ich uns ein zauberhaftes Frühstück zu… und wenn wir dann gleich gemütlich zusammen sitzen weiß ich, dass wir vier uns in diesem Moment “genug” sind.
    Nicht immer, das muss auch nicht. Aber heute Morgen ganz bestimmt. ❤

  4. Karin
    14. April 2019 / 9:30

    So ein berührender Text, es ist wie als wenn du mir aus der Seele schreibst – DANKE, für deine offenen ehrliche und wahre Worte 🌸

  5. 14. April 2019 / 10:51

    Was für ein schöner Brief. Danke dafür. Danke für Deine Gedanken.
    ❤️

  6. 14. April 2019 / 11:42

    Wir sind doch alles nur Menschen mit Sehnsüchten und der Suche nach Geborgenheit. Ich finde es total klasse, dass du dabei Du bleibst und uns daran teilhaben lässt. Du hast alles richtig gemacht. Das beste Beispiel? Dein Junge, in dem Alter so klar und die Ruhe in sich zu haben, kann er nur von einer Mutter haben, die auch Schwäche zeigen und zulassen kann.

  7. Jasmin
    14. April 2019 / 12:55

    Liebe Andrea,

    Danke für deinen offenen Brief ich finde mich mich in jeder Zeile wieder und bin froh das es anderen genau so ergeht. Ich erhoffe mir das ich irgendewann die “Angst“ auch ablegen kann. Einen wunderschönen Sonntag.

  8. Danny
    15. April 2019 / 8:05

    Vielen Dank für diese ehrlichen Worte. Das hat mir in meiner jetzigen Situation so sehr geholfen. Auch ich lasse gerade meine Kinder in die Osterferien ziehen…zu meinem Noch Mann und seiner 15 Jahre jüngeren Freundin/Arbeitskollegin…und es bricht mir förmlich das Herz. Es ist einfach so schwer damit umzugehen und, wie du schon sagst, überall hört man nur von tollen harmonischen Patchworkfamilien aber wie es wirklich in einem aussieht und wie man dadurch kommt sagt einem keiner.

  9. Claudia Ehrlinger
    15. April 2019 / 16:48

    Liebe Andrea,
    klar, dass darf und soll man alles denken und fühlen, wenn einem danach ist – ich stell mir das echt schwer vor.
    Und ich finde es toll, wie klar und reflektiert Du Dich Luca gegenüber verhältst.
    Meine Mutter konnte das damals nicht – sie hat es nicht ausghalten, wenn ich eine gute Zeit mit meinem Vater hatte und hat mich das auch spüren lassen.
    Soll jetzt kein Vorwurf an sie sein – wir haben das alles mittlerweile bereinigt und geklärt (mit 42 gibt es keine Veranlassung mehr dafür, wegen meiner KIndheit bzw. Jugend frustiert zu sein).
    Finde es dennoch toll, wie klar du da bist!
    glg
    Claudia

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