Ist es nicht das, was am Ende des Tages zählt?

Ist es nicht das, was am Ende des Tages zählt?

 

Es ist gar nicht so einfach für diesen Sonntag meine “Wochengedanken” in Form eines Textes zu bringen. Eine Menge Eindrücke liegen hinter uns und es liegen auch noch eine Menge Eindrücke vor uns. So schnell, wie alles an einem vorbeirennt, kommt es im Kopf gar nicht wirklich an.

Als wir am Montag, in New York, in den Flieger stiegen um zurück nach Deutschland zu fliegen, stand auf dem Display eine Rückflugzeit von 6:45 Stunden. Das hat mich kurz sprachlos gemacht. Das ist ja eigentlich keine Zeit, wenn man es genau nimmt. So lange brauche ich mit dem Zug von Leipzig nach Sylt. Und in dieser Zeit kann ich aber auch ganze Kontinente überqueren. Das ist doch irgendwie echt verrückt.

Wir lagen also am Mittag noch mit dem Blick auf die Skyline von Manhattan am Pool und 09:00 Uhr am nächsten Morgen ging ich schon wieder die erste Runde mit Bommel und Hugo und hatte 2 Waschmaschinen gewaschen.

Glücklicherweise konnten wir den Jetlag erfolgreich vermeiden, auch wenn die fehlende Nacht noch ein wenig in den Knochen hängt, aber das ist es in jedem Fall wert gewesen. Und die Sommerferien sind lang genug um wieder in Form zu kommen.

4 Tage sind seit unserer Rückkehr vergangen und wir vermissen New York. Es war großartig. Von der ersten Sekunde an. Hätte mir vor 14 Jahren mal jemand gesagt, ich würde mit meinem Sohn auf Reisen gehen und Städte erkunden….ich hätte es nicht geglaubt. Ich hatte es in dem Alter sehr eilig nicht mehr mit meinen Eltern in den Urlaub zu “müssen” und habe stattdessen bei Deichmann gejobbt.

Mir ist bewusst, dass sich das irgendwann verändern wird, deswegen nehme ich es im Augenblick dankbar an.

Ich kann nicht mal einen schönsten Moment benennen. Es gab so viele. Wenn wir morgens in die Sandwicherie gingen und es schon einen Anflug von Normalität bekam oder wir uns unsere kleinen Kartons bei Whole Foods mit gesundem Zeug vollpackten oder als wir am Fuß vom One World Trade Center saßen, Cronuts futterten und Milchshakes tranken. Wir waren in New York und es war trotzdem so unaufgeregt, irgendwie fast normal…und das war richtig schön.

Natürlich bin ich als Frau und gleichzeitig Mama deutlich emotionaler als mein Teenager-Sohn, weil mir die Bedeutung dieser Dinge einfach bewusst ist und das kann er natürlich und verständlicherweise nur schwer greifen und muss er auch gar nicht. Es reicht, wenn ich das weiß.

Ich habe in der Erziehung auf Liebe, Vertrauen und auch Intuition gesetzt und ich habe es bisher keine Sekunde bereut. Irgendwann kam immer der Punkt, wo sich alles fügte. Ich kenne es aber auch gar nicht anders. Ich bin ebenfalls ohne Erfolgsdruck aufgewachsen. Ich durfte Kind sein und wir alle wissen….das wird heute immer schwieriger. 

Mein Papa war lange Zeit Fernfahrer und ständig unterwegs. Wir waren gerade vom Osten in den Westen gegangen und meine Mama hatte einen Putzjob in einem Hotel angenommen. Wir hatten immer Frühstück, immer Mittagessen. Wir hatten ein Fahrrad zur Verfügung und nahmen das ganz oft mit in den Supermarkt um die Familieneinkäufe nach Hause schleppen zu können, weil mein Vater das Auto für den Arbeitsweg brauchte. Meine Mama malerte, tapezierte, folierte die alte, hässliche Küche, legte neuen Teppich auf den Treppenstufen. Mein Papa hatte in der Zeit als Kraftfahrer 3 lebensbedrohliche Unfälle, lag lange in Krankenhäusern….sie erzog uns Mädels. Ich schrieb es bereits von New York aus….wir Frauen leisten eine ganze Menge. Ich bin meiner Mama sehr ähnlich…das ist nicht immer leicht für unsere Mutter/Tochter Beziehung, aber ich kann heute deutlich gelassener damit umgehen. Ich vermute diese Erfahrung könnt Ihr sicher bestätigen….

Die emotionalen Nebenschauplätze, die es immer mal wieder in meinem Leben gibt, lassen sich heute deutlich leichter abschütteln. Natürlich trage ich auch Ärger, Wut und Enttäuschung mit mir rum, aber das verliert sich tatsächlich ganz schnell wieder. Auf der Haben-Seite steht so viel mehr und es gibt faktisch keinen Grund mein Leben von negativen Emotionen leiten zu lassen. Wenn ich merke, dass es mich kalt erwischt, brauche ich einen Moment um diesen Zustand zu akzeptieren und dann geht es meist sehr schnell das ich wieder klar sehen kann.

Und es gab diese Woche ein ganzes Netz voller Menschen, die mich aufgefangen haben. Ich danke Euch von ganzem Herzen. Ich habe ja in den vergangenen 2 Jahren immer mal wieder zum Thema Trennungssituation im Internet nachgelesen und die Regel besagt, dass es für den Großteil der Frauen ein Befreiungsschlag ist. Sie trauern, arbeiten auf und bauen sich ein soziales Netzwerk auf. Das ist etwas, was ich zu 100 % bestätigen kann. Das gab es vorher nicht in meinem Leben. Ich habe das nicht auf die Reihe bekommen und heute findet das mit einer Selbstverständlichkeit statt, als wäre es nie anders gewesen. Ich kann tief durchatmen und mich fallenlassen ohne Angst vor Einsamkeit. Mein Leben hat im Augenblick so viele, positive Impulse, dass ich – mit wenigen Ausnahmen – dauerhaft motiviert bin. Abgesehen natürlich von der notwendigen Sommerpause, die ja nie wirklich eine komplette Pause ist…aber die Ferienzeit ist deutlich relaxter und das tut extrem gut…auch meinem Sohn.

Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann ist doch der Großteil unserer Probleme an den Haaren herbeigezogen und die Lösung scheitert meist am eigenen Ego. Ich scheitere auch gern mal an meinem eigenen Ego. Aber auch das ist eben einfach so. Wenn man das erkennt und akzeptieren kann, ist das schon der erste Weg zur Besserung. 

In dieser Woche ist einem Freund von mir eine Frau vor das Auto gelaufen. Sie verstarb. Er trägt keine Schuld an dem Unfall. Ich habe ihn noch nie weinen sehen….das hat sich nun geändert. Das hat mich tief berührt. Ich kann mir nicht mal annähernd vorstellen, welche Last man da mit sich rumträgt…völlig egal ob verschuldet oder nicht. Aber wir saßen zusammen, haben geredet und er konnte seine Trauer offen zulassen.

 

Ist es nicht das, was am Ende des Tages zählt? 

 

Wir sind aktuell in München und fliegen noch ein paar Tage in die Sonne. Wir saßen gerade am Tisch und ich habe Luca von meinen alten Reisen erzählt und was mir alles so passiert ist….wir haben Tränen gelacht und 2 Stunden gequatscht.

Es war eine verrückte Woche und trotzdem haben sich verdammt viele Knoten gelöst. Das fühlt sich verdammt gut an. Ich bin sehr gern 41. Ich mag die Gelassenheit, die das Älterwerden mit sich bringt. 

Ich wünsche Euch einen fabelhaften Sonntag.

Wir tauchen jetzt ab.

 

Eure Andrea

 

 

4 Kommentare

  1. 15. Juli 2018 / 6:56

    Krass!!!
    Freitag morgen hat sich die Ex-Freundin von Micha das Leben genommen. Sie ist mit ihrem Smart in einen LKW gerast – der Abschiedsbrief lag neben ihr. Der LKw Fahrer hat einen Schock erlitten …
    Auch ich kann mir diese Last nicht vorstellen!

    Habt eine feine Zeit in der Sonne ❤️

  2. 15. Juli 2018 / 10:17

    man könnte sich auch die frage stellen, “ist das jetzt lebensbedrohlich?” ich mache das oft ganz bewusst, denn das erdet mich ganz schnell. insofern gebe ich dir absolut recht, die meisten dinge, die uns belasten sind hausgemacht. das ist mir letzte woche auch einmal mehr sehr bewusst geworden. man sollte nicht dinge zu problemen machen, sondern sie vielmehr mit Struktur abarbeiten. aber es ist wie im wirklichen leben, es gibt tage, da gelingt es sehr gut, an anderen eben nicht. das gehört sicher zum mensch sein dazu. die gelassenheit, die mit dem alter kommt, ist auf jeden fall ein tolles geschenk, das kann ich bestätigen.
    und was deinen freund anbelangt, ich mag mir gar nicht vorstellen, was er durchmacht. man kann das nicht abschütteln. das bleibt. ich wünsche ihm ganz viel kraft dafür…

  3. 15. Juli 2018 / 18:36

    Ich kann das nur bestätigen, sowohl das Mutter-Tochter-Verhältnis, dieses unermüdliche “alles alleine machen”, aber auch diese Gelassenheit, die sich mit dem Älter werden einstellt. Es ist gut, das dein Bekannter jemanden hatte, der ihn aufgefangen hat und so schließt sich der Kreislauf wieder, denn wenn du schreibst, hast du ja auch ein funktionierendes Netzwerk.

    Ein Bekannte hat mal zu mir gesagt: “Manchmal muss man durch das tiefe Tag gehen, um zu wissen, wie schön die Aussicht oben auf dem Berg ist.” Recht hatte sie und das du so offen über deine Trennung, den Schmerz und das schreibst, was sich letztendlich daraus entwickelt hat, macht vielen Mut. Schönen Urlaub euch beiden… LG Kerstin

  4. 20. Juli 2018 / 23:33

    Danke für Deine Worte! Ich schliesse mich der Meinung an: je weniger (Erfolgs)Druck auf den Kindern lastet, umso besser! Kinder sollten Kinder sein dürfen, Teenies sollten Teenies sein dürfen – das erwachsen werden hat noch kaum jemand verpasst – das Kind sein schon😊.

    Allen eine wunderbare Sommerzeit!
    Silvia

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