Warum Genugtuung keine Bedeutung mehr für mich hat…

Warum Genugtuung keine Bedeutung mehr für mich hat…

Genugtuung kommt erst, wenn man sie nicht mehr braucht. Und dann hat sie keinerlei Bedeutung mehr. Das ist eine sehr erleichternde Erkenntnis. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man sein Leben lebt, wenn man nur darauf wartet, dass sich irgendwann der Tag der Genugtuung einstellt.

Ich hatte ihn auch…diesen Gedanken….den Wunsch danach. Und ich bin dankbar dafür, dass ich offenbar darauf nicht angewiesen bin. Genugtuung ist im Grunde auch nur eine Form von Hass und Erniedrigung und jeden, einzelnen Tag wird mir bewusster, dass ich nicht hassen oder erniedrigen will. Genauso wenig, wie ICH gehasst oder erniedrigt werden will.

Ich kann keine guten Ratschläge erteilen, wie das funktioniert. Ich weiß es eben selber nicht. Ich weiß nur, dass es funktioniert hat und ich mich nicht mehr in alten Mustern verlieren möchte. Das heißt auch Mut aufbringen zu müssen, Menschen die Stirn zu bieten und mit möglichen Konsequenzen zu leben. Es sind die Konsequenzen die Angst machen. Nur sind sie eben manchmal notwendig…und das bereitet Schmerz.

Immer!

Noch viel weniger möchte ich mich irgendwann mal in Verbitterung enden sehen. Keine Angst…ich bin nicht mal annähernd in der Nähe der Verbitterung, aber es ist auch kein Ziel, was ich anstrebe.

Ich lese immer wieder, dass man sich offensichtlich von Menschen trennen muss, die einem nicht gut tun. Ich glaube, dass gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Lebens. Diese eine bewusste Entscheidung zu treffen. Sich einzugestehen das irgendetwas auf zwischenmenschlicher Ebene nicht funktioniert. Umso näher einem diese Menschen stehen, umso schwerer fällt solch eine Entscheidung. Und manchmal kommt ein Punkt im Leben, wo man merkt das es unumgänglich wird…weil man sonst Punkte erreicht, die nur noch mit Hass und Erniedrigung enden. Mit Worten, die man niemals sagen wollte…die eigentlich nie eine Bedeutung hatten….bis zu dem Punkt, an dem das Fass überläuft. Und am Boden dieses Fasses herrscht verdammt viel Dunkelheit….

Man KANN solche Entscheidungen treffen und man KANN leben ohne Hass und Erniedrigung. Es ist deutlich schwerer, aber wenn es funktioniert und das ist etwas, was ich versprechen kann….dann ändert das grundlegende Dinge bei einem selbst. Wenn man es schaffen kann, auf sich selbst zu schauen, die eigenen, dunklen Abgründe nicht zu scheuen. Wenn man begreift, dass niemand auf der Welt die Verantwortung für Dich trägt – AUSSER DU SELBST….dann ist bereits der erste Schritt getan.

Das bewahrt uns nicht vor diesen Momenten.

Die Momente, die einen herunterziehen, Leid verursachen, Traurigkeit hervorrufen.

Wir sind alle nur Menschen und keine Götter.

Man kann so sehr bei sich selbst sein, wie man will….es gibt Momente im Leben, da ist man angreifbar. Nur genau dann hat man eben die Wahl zu entscheiden, was es mit einem machen darf. Natürlich darf man weinen, schreien und Fleischsalatbrötchen in Gardinen werfen. Man darf wütend sein und auch Hass ist offensichtlich eine Emotion, die zum Mensch sein einfach dazu gehört. Aber auch hier gilt, dass nur ich entscheiden kann, wie weit mich das in meinem Leben beeinflussen darf. In welcher Tiefe möchte ich negative Emotionen zulassen. Und dann wäre auch immer noch die Frage…was passiert mit „unterdrückten“ Emotionen? Kommen sie nicht sowieso irgendwann einfach zum Vorschein und bahnen sich ihren Weg…?

Natürlich tun sie das….Gefühle zu unterdrücken ist nur bedingt möglich. Sie suchen sich ihre Kanäle. Und ich kann beeinflussen, welche Kanäle das sind. In der Vielzahl von Situationen gelingt es mir sachlich zu bleiben und mich nicht angreifen zu lassen. Gelingt mir das nicht…versuche ich mir Zeit für mich zu nehmen. Einen klaren Gedanken fassen und nicht wie eine Irre in der Suppe herumzurühren. Manchmal ist ein Schritt zurück, ein Moment mit sich allein, der einzig richtige Weg.

Es gibt Menschen, die mich fragen oder mir auch unterstellen, dass es mir ja gar nicht gut gehen kann. Das jeder emotionale Ausbruch oder wenn ich mal nicht gut drauf bin dem Zustand der vergangenen 2 Jahre zugeschoben wird. Dabei hat, rückblickend, diese Trennungssituation dafür gesorgt, dass ich mich nur mit mir selber auseinandersetzen musste.

Seit meinem 14. Lebensjahr hatte ich immer einen Partner an meiner Seite. Meine Jugendliebe, die nächste Jugendliebe, Singlezeiten mit Affären…usw.! Ich war nie wirklich alleine. Die letzten 1,5 Jahre war ich wirklich mit mir alleine und musste  keine Kompromisse mehr eingehen. Das war echt eine großartige Erfahrung und ich bin daran gewachsen und hab mich selber kennengelernt. Mit 40 habe ich mich endlich selbst kennengelernt. Und mich begleiten Menschen, die das zulassen können. Die mich einfach lassen können und das gilt natürlich genauso umgekehrt.

Die Umstände, die dazu geführt haben, waren vielleicht schmerzhaft. Aber eine sehr schlaue Leserin schrieb mir vor kurzem:

 

Andrea, frag nicht nach dem „WARUM“, sondern nach dem „WOFÜR“….

 

Diese kleine Veränderung in der Fragestellung eröffnet ein wirklich neues Blickfeld. Frage ich nach dem „WARUM“, dann bleibt immer ein bitterer Nachgeschmack, frage ich aber nach dem „WOFÜR“, dann sehe ich mich…jetzt! Und für das JETZT, hat sich jeder Schmerz gelohnt.

Wenn ich in Südtirol wandern gehe, dann fluche ich unterwegs, beschimpfe die Berge, habe Schiss vorm Abgrund und will das nie nie nie wieder machen….und dann bin ich oben und jedes Mal so dankbar dafür, dass ich diese Anstrengungen auf mich genommen habe….

Manchmal braucht man Schmerz, damit es die Möglichkeit auf Heilung gibt.

Ich habe es schon mal in einem meiner älteren Blogposts geschrieben (ich weiß nur leider nicht mehr in welchem)…in der erfolgreichen Serie „Sherlock“ sitzt Dr. Watson zu Beginn der 1. Folge bei seiner Therapeutin und fragt nach einer Lösung seines Problems. Er hat im Krieg gedient und leidet an den psychischen Folgen. Ihre Antwort lautet:

 

Schreiben sie einen Blog Dr. Watson!

 

Schreiben sie einen Blog…..

Über all diese Dinge zu schreiben. Über meine persönlichsten Gedanken, meine Gefühle, mein Leben im Allgemeinen…ruft einen Prozess hervor. Mindestens einmal in der Woche sitze ich an meinem Laptop und setze mich intensiv mit den Dingen der Woche auseinander. Manchmal ist das der normale Alltags- und Blogwahnsinn und manchmal ist es einfach nur der Fluss meiner Gedanken, weil vielleicht etwas passiert ist, was mich an persönliche Grenzen gebracht hat. Dabei ist gar nicht wichtig, was passiert ist…sondern was es in mir auslöst und welchen Umgang ich damit gefunden habe.

Vorgestern habe ich am späten Abend auf Kabel 1 irgendwie Alien geschaut. In der Werbepause kam lauter, beschissene Sexwerbung…am laufenden Band. Da ich sonst eigentlich nur Netflix gucke, war ich ein wenig überrascht. Sendungen, wie Frauentausch, der Bachelor, Bauer sucht Frau oder wie all das Zeug heißt…haben Hochkonjunktur. Die Leute ergötzen sich an diesen Dingen….und nein, das ist kein Urteil über Menschen, die das gern schauen….nur ich schaue das eben nicht gern bzw. gar nicht.

Es ist nur interessant, dass es offensichtlich ok ist, dass Menschen sich auf erniedrigende Art und Weise in die Öffentlichkeit zerren lassen und das Millionen dabei zuschauen….aber wenn man persönliche Themen auf einem Blog anpackt, dann

 

macht man so was nicht.

 

Gefühle in die Öffentlichkeit zu tragen, Sorgen, Gedanken, Probleme….ist immer noch ein Tabuthema. Lieber schaut man sich Menschen an, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen erniedrigen lassen. Menschen über die man sich lustig machen kann. Die Themen hier…sind viel zu sehr an der Realität und sie können Angst machen, weil man ggf. selbst betroffen ist, weil es Zuhause ganz ähnlich läuft, weil man sich damit identifizieren kann. Dabei wissen wir doch alle längst, dass niemand von uns irgendein „Heile Welt Leben“ führt. Und ich kann einfach nichts schlimmes daran finden auch offen damit umzugehen und einfach eine Geschichte zu erzählen, die das Leben schreibt. Meine Geschichte.

Vielleicht macht mich das angreifbar. Vielleicht macht es aber auch Mut.

Vergangene Woche diesen Anruf in meinem Blog aufzugreifen ist mir schwergefallen. Aus vielerlei Hinsichten und auch weil es mein persönliches Versagen an die Oberfläche getragen hat. Eine Woche später macht dieser Anruf (fast) nichts mehr mit mir und dabei hat das Interesse an dem Artikel die Blogstatistik gesprengt.

Es war wichtig darüber zu reden. Meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Für mich. Es war wichtig für mich. Nur für mich. Ich empfinde weder Hass, noch Genugtuung, noch sonst irgendwas. Ich sehe nur einen Haufen Menschen, der sich irgendwie verirrt hat….im Dschungel des Lebens…..

Ich kann das so sehen, weil ich mich damit auseinandersetze, mich selbst in Frage stelle und an den richtigen Stellen wieder neu zusammensetze. Ich kann das so sehen, weil ich weiß das wir alle nur Menschen sind und wir machen Fehler. Ich mache Fehler.

Ich brauche keine Genugtuung um glücklich sein zu können. Ich brauche mich, genauso, wie ich jetzt bin. Ich mag diesen leidenschaftlichen, emotionalen, lauten Menschen, der mir da täglich aus dem Spiegel entgegen lächelt und der so viel Freude an dem hat, was er täglich tun darf.

In diesem Sinne…

 

Eure Schnimpeline

1 Kommentar

  1. 11. Juni 2017 / 20:39

    Sehr toll geschrieben. Ich erkannte mich in diesen Zeilen und kann somit auch die Gefühle nachvollziehen. Und dieses Glücksgefühl der Zufriedenheit ist das tollste ❤️❤️❤️

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