PRIVATSPHÄRE

Warum ich bleiben wollte und trotzdem gegangen bin…

Es ist Freitag.

Ich sitze mit Charlotte im Auto. Wir sind auf dem Weg nach Hamburg. Sie weiß noch nichts. Mir ist flau im Magen. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Wir reden und eigentlich ist die Situation viel zu irreal, als das wir wirklich realisieren könnten, dass ich 500 km wegziehen werde. Die gesamte Fahrt rufe ich Makler an und mache Termine…für Montag.

Es ist Sonntag.

Ich stehe am Bahnhof in Hamburg. Ich bin allein. Der ICE nach Leipzig steht bereits am Gleis und wartet darauf das ich einsteige. Ich kann nicht. Auf einmal fühle ich mich allein, schwach und möchte nur noch eins…mein Zuhause, mein Familienleben wieder zurück.

Ich rufe meinen Mann an. In der Hoffnung das er irgendwas sagt, was mich davon abhält in diesen Zug zu steigen. Ist es wirklich notwendig diesen Schritt zu gehen? Kälte und Desinteresse schlägt mir entgegen.

Ich lege auf und rufe meine Mama an.

Ich steige in den Zug. Ich weine 3 Stunden lang. Die ganze Fahrt.

Angekommen. In Leipzig. Viele Jahre war ich nicht mehr hier. Es ist mitten in der Nacht. Mein Koffer macht auf dem Kopfsteinpflaster unfassbar viel Krach. Mir ist mulmig im Bauch. Ich gehe die Nikolaistraße entlang und suche mein Motel. Es ist furchtbar kalt. Ich finde keine Heizung im Zimmer. Ich lege mich ins Bett. Und….kann nicht schlafen.

Es ist Montag.

Die Sonne scheint durchs Fenster.

Ich ziehe die Vorhänge beiseite, blicke auf die Straße und habe das Gefühl, dass ich richtig bin. Ich dusche, ziehe mich an und frühstücke bei den Bagel Brothers. Auf google maps versuche ich mir einen Plan zurechtzulegen, wie ich welche Wohnung ansteuere…welche Straßenbahn muss ich nehmen….wo muss ich eigentlich hin?!

Am Nachmittag steige ich – unwissentlich – 3 Haltestellen zu früh aus. Ich lande irgendwo im Nirgendwo und habe keine Ahnung wo ich bin. Völlig verschwitzt und lustlos komme ich bei meiner letzten Wohnungsbesichtigung für den Montag an. Die Entscheidung fällt schon als die Wohnungstür aufgeht. Die nehm ich.

Ich fahre zurück nach Hennef. Endlich geht es einen Schritt weiter. Endlich kann ich diese unerträgliche Wohnsituation mit meinem Mann verlassen. Endlich kann ich meinen Sohn aus diesem Umfeld voller Hass, Trauer und Schmerz herausziehen. Alles ist besser, als weiter unter einem Dach zu leben. Gut einen Monat lasse ich mir Zeit für die Organisation des Umzugs. Ich muss eine neue Schule für Luca finden. Ich möchte das es schnell geht…..

Im Briefkasten liegt der Mietvertrag. Ich lege ihn behutsam auf den Esstisch. Und da liegt er erstmal. Ich bin unfähig ihn zu unterschreiben. Tief in mir wohnt diese Hoffnung, dass sich doch noch irgendwie alles auflöst. Das mein Mann kommt, mich in den Arm nimmt und sagt das er uns liebt, dass er mich liebt! Das er nicht will, dass ich mit unserem Sohn 500 km weit weg gehe. Das ihm seine Familie alles bedeutet und das wir das miteinander schaffen…das wir diese Krise meistern.

Nichts passiert.

Ich unterschreibe den Mietvertrag.

Ich muss nach Frankfurt arbeiten. Er bringt mich zum Bahnhof. In der Hand ist der Umschlag mit dem Vertrag, der alles verändern wird. Wir weinen. Beide.

Ich sitze im Zug und er schreibt mir, dass er nicht will, dass ich gehe. Das wir das schaffen. Immer wieder schreibt er mir das. Ich bin 4 Tage in Frankfurt. Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Soll ich die Wohnung in Leipzig wieder kündigen? Ist ihm bewusst geworden, dass er mich wirklich verlieren könnte? Ich rufe Charlotte an. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich sage ihr, dass ich warte bis ich zuhause bin, bis ich ihm gegenüberstehe und in die Augen sehen kann….

Er holt mich ab. Ich sehe ihn an. Er liebt mich nicht mehr. Ich werde gehen.

Es ist der 13. Mai. Freitag, der 13. Mai 2016. Luca und ich kehren unserem alten Leben den Rücken. Wir ziehen nach Leipzig. Es ist ein Neustart ins Ungewisse. Ich weiß nicht, was uns erwartet. Aber aus irgendeinem Grund weiß ich das es richtig ist.

 

15 Monate

 

15 Monate sind wir nun schon hier. Ich bin völlig unbeirrt dem Weg meines Bauchgefühls gefolgt. Ich habe mich darauf verlassen und mir selber vertraut. Meine engsten Vertrauten waren in dieser Zeit meine Schwester, meine Mama und natürlich Charlotte. Sie haben mir nicht gesagt, was ich tun soll. Sie haben mir zugehört. Ich habe meine Gedanken, meine Trauer, meinen Schmerz und auch mein Glück immer wieder ausgesprochen.

Ich habe mich selbst in den Hintern getreten. Es gab Tage, da habe ich ununterbrochen am Stück geweint und trotzdem bin ich meinen Verpflichtungen nachgegangen, habe mich mit Freunden getroffen oder Events besucht. Mit jedem kleinen Schritt wurde es besser. Es hat gedauert, aber es wurde besser. Ich konnte alleine laufen. Ich KANN alleine leben. Das war die wohl heilsamste Erkenntnis für mich.

Es gab keinen Moment, in dem ich an meiner Entscheidung gezweifelt habe. An Leipzig gezweifelt habe. Einen Partner an der Seite zu haben, der einen nicht mehr liebt ist viel schwerer zu ertragen. Jedenfalls für mich. Das macht krank, raubt Energie und Motivation. Man reibt sich für etwas auf, was völlig sinnlos ist. Gefühle funktionieren nun mal nicht auf Knopfdruck.

Ich hätte gekämpft und wäre jeden erdenklichen Weg gegangen, wenn ich eine Chance gesehen hätte. Wenn da echte Gefühle gewesen wären und nicht nur die Angst davor die eigene Komfortzone verlassen zu müssen. Es war so unfassbar schwierig und nicht greifbar für mich. Ich habe mir das Hirn zermartert, mich immer wieder in Frage gestellt. Was war eigentlich passiert? Fast 18 Jahre kennen wir uns, 15 davon sind wir verheiratet…..

Und dann kam vor ein paar Monaten dieser Anruf, der nochmal alles in ein anderes Licht rückte.

15 Monate sind eine lange Zeit. 15 Monate sind verdammt kurz. Hin und wieder frage ich mich selbst, wie ich dies das oder jenes überstehen konnte. Warum ich meinen Humor nicht verloren habe. Meine Energie immer noch da ist. Warum ich überhaupt weiterleben will…. Wie geht man damit um, wenn man auf einmal alleinerziehend ist oder der Mann zu einer anderen Frau zieht (von der man 2 Jahre nichts gewusst hat). Wie erträgt man eine Patchworksituation, die man selbst total scheiße findet?

Die Antwort ist recht einfach….nicht nach dem „WARUM“ sondern nach dem „WOFÜR“ fragen.

Natürlich konnte ich das anfangs nicht. Ich war unfähig zu atmen, zu laufen, zu denken. Wenn alle aus dem Haus waren, habe ich mich auf dem Teppichboden gekrümmt, geschrien, gejammert, alles vollgerotzt (der Teppich ist auf dem Sperrmüll gelandet). Ich bin ausgerastet, hatte mich überhaupt nicht mehr im Griff und habe nach Methoden für Selbstmord gegoogelt, die nicht weh tun. Ich habe das komplette Programm eines Menschen abgespult, der feststellt das er verlassen wurde. Allerdings verließ mein Mann mich nicht wirklich….ich war ja die Komfortzone. Also hatte ich keine Wahl….auch diese Entscheidung musste ICH treffen.

Ich musste ihn verlassen, weil er mich nicht mehr liebte….obwohl ich hätte bleiben können.

 

Gibt es ein Zurück?

 

Ich halte es für völlig normal das man sich das fragt. Diese romantische Vorstellung von einer neu entfachten Liebe füreinander gab es bei mir auch. 18 Jahre sind einfach eine verdammt lange Zeit und viele Menschen bleiben schon allein aus diesem Grund zusammen. Oder aus Angst. Angst vor Einsamkeit. Angst vor finanziellen Schwierigkeiten.

Für mich waren diese Ängste keine Option gegen das Unglück, welches ich empfand, wenn ich in die Augen meines Mannes blickte und sah das er mich angewidert anstarrt und mich verglich…mit dieser anderen Frau.

Er wollte zurückkommen…mehrfach. Aber ich blicke immer noch in die gleichen Augen ohne Gefühl für mich. Ein unerträgliches Gefühl. Ich sehe lediglich den Wunsch der Rückkehr in die Komfortzone.

Ich bin völlig bei mir. Ich bin nur noch selten traurig und wenn ich weine, dann ist es meist, weil ich mich nochmal mit der Thematik auseinandersetze und mich Trauer überkommt oder vielmehr ist es Wehmut. Immerhin waren wir mal eine Familie und hatten sehr glückliche Zeiten miteinander. Es hat uns sehr viel verbunden. Wir kennen uns in und auswendig. Das löst sich nicht einfach in Luft auf, selbst wenn man sich das von ganzem Herzen wünscht.

Unterm Strich ist man aber eben auch ein Individuum mit einer ganz eigenen Persönlichkeit, die auch funktioniert, wenn man nicht mitten in einem intakten Familienleben steckt. Das Leben bietet so unfassbar viele Facetten und Möglichkeiten und ich habe sie jetzt erst für mich entdeckt.

Lange war mein Leben vorprogrammiert. Man macht eine Ausbildung oder studiert. Konzentriert sich auf die Karriere. Dann kommen Ehe, Kinder, vielleicht der Bau eines Hauses. Es ist, als ob man einer Linie folgt und sich dabei selbst vergisst. Frei nach dem Motto „so macht man das eben“.

Wäre ich noch 30, dann wäre das Ende meiner Ehe für mich ein Desaster gewesen. Mit 40 ist es eher ein Befreiungsschlag und das ist etwas, was ich von vielen Frauen lese, die mir schreiben.

Hätte ich eine Wahl gehabt, hätte ich um meine Ehe…um unsere Familie gekämpft. Das ist nichts, was man einfach so wegwirft.

Ich hatte keine Wahl.

Mir blieb nur eine Entscheidung und ich hab mich für mich entschieden und das war letztlich der erste Schritt auf dem Weg der Besserung. Ich kann nur eine gute Mama sein, wenn es mir gut geht, also habe ich diesen Fokus auch komplett auf mich gelegt.

Ich weiß, dass sich viele von Euch in unglücklichen Situationen befinden. Mich erreichen immer wieder persönliche Nachrichten von Frauen, die meinen Weg verfolgen und Mut schöpfen. Wenn ich eins weiß, dann das jeder einzelne Schritt nach vorn – und sei er noch so klein – 1000 mal besser ist als zu verharren oder sich in Schuldzuweisungen oder der „Warum-Frage“ zu verlieren.

Zu gehen, obwohl ich meinen Mann noch geliebt habe, war der wohl schwerste Schritt meines Lebens. Es war aber auch der einzige Schritt, der mir geholfen hat um weitermachen zu können.

In diesem Sinne….

 

Eure Schnimpeline