PRIVATSPHÄRE

#privatsphäre – die letzte Hürde oder Endstation Patchworkfamilie?

Endstation Patchworkfamilie?

Ich bin echt stolz auf mich und auch überrascht…über mich selbst. Langsam bekommt mein Leben wieder eine Form. Ich merke richtig, wie fest der Boden unter meinen Füßen ist und das ich ganz bei mir selbst und sehr zufrieden und glücklich bin.

Als Ende 2015 das Trennungsdrama meiner Ehe seinen Lauf nahm, habe ich mir ein Buch gekauft. Einen Ratgeber. Dabei ging es ums Loslassen und wie man es schafft mit solch einer Situation umzugehen. Dieses Buch 2015 zu kaufen…war deutlich zu früh. Ich konnte mit dem Inhalt nichts anfangen. Ich stand ja gerade am Anfang dieser Berg- und Talfahrt.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass am Ende in diesem Buch so was stand, wie….“rückblickend bin ich meinem Mann sehr dankbar für diese Trennung“….

What the F….?

Das ich jemals so empfinden könnte, war zum damaligen Zeitpunkt völlig undenkbar. Ich empfinde auch heute nicht so. Also zumindest keine Dankbarkeit gegenüber meinem Mann. Ich empfinde Dankbarkeit…für die Menschen, die mich getragen haben. Für einen Sohn, der diesen Weg unbeirrt mit mir gegangen ist. Für Leipzig…eine Stadt, die mich mit offenen Armen empfangen hat. UND vor allem für mich selbst…dass ich genug Stärke, Kraft und Willen hatte um aus einer „ich lieg verheult und verrotzt auf dem Teppich und kann mich nicht mehr rühren Situation“ etwas richtig Gutes gemacht habe.

 

Kinder loslassen…neue Situation: Patchworkfamilie

 

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so sehr ich selbst, wie ich es im Augenblick bin. Ich war noch nie so sehr bei mir selbst, wie ich es im Augenblick bin. Und so war es möglich auch den letzten Weg, die für mich größte Hürde zu gehen, nämlich loszulassen….

Luca loszulassen….

In der Regel wird man ja über einen langen Zeitraum darauf vorbereitet, dass die Kinder flügge werden und irgendwann das Haus verlassen. Die Liebe für Luca hat mich in meinem Mama-Dasein schon bei seiner Geburt überwältigt und es ist wichtig einen Weg zu finden auch ein Leben neben diesem Mama-Dasein zu führen….damit man nicht in ein Loch fällt, wenn man irgendwann nicht mehr so gebraucht wird und die Kids das Haus verlassen, eigene Familien gründen, ins Ausland gehen….was weiß ich.

Das dies so kommt, liegt in der Natur der Sache und ist ein Prozess, den man als Eltern eben durchmacht.

Kinder in eine Patchworkfamilie loszulassen, liegt NICHT in der Natur der Sache…zumindest nicht aus gesellschaftlicher oder auch emotionaler Sicht. Das ist nichts, worauf man sich wirklich vorbereiten kann. Es passiert und dann muss man irgendwie einen Weg des Umgangs miteinander finden und das ist eine Herausforderung.

 

Endstation Patchworkfamilie?

 

Die Vorstellung meinen Sohn in eine Situation zu schicken, die für mich selbst schon völlig beschissen war, hat Angst und Panik verursacht….bei mir.

Das irgendwann mal eine Patchworksituation entstehen könnte, war mir selbstverständlich bewusst. Die Umstände, die dazu geführt haben, waren…..sagen wir mal….eher unglücklich. Von heute auf morgen war es auf einmal so und da braucht es seine Zeit die eigenen Emotionen in den Griff zu bekommen.

Ich hatte also ordentlich mit mir selbst zu kämpfen und es war für mich erstmal unvorstellbar, meinen Sohn „dorthin“ zu schicken. Wir beide brauchten Zeit um all das erstmal sacken zu lassen.

Die aktuelle Situation dauert nun den 3. Monat an. Klingt einerseits kurz, andererseits bin ich fein damit. Aber da wären ja immer noch diese 500 km Entfernung, die die Umgangssituation erschweren und recht häufig dafür gesorgt haben, dass mein Mann immer wieder in mein Privatleben in Leipzig eingedrungen ist.

Das wollte/will ich einfach nicht mehr.

Ich fahre ja auch nicht in sein neues Leben, setze mich dort aufs Sofa und gucke mal wie es so läuft. Ich gehöre nun mal einfach zu den Menschen, die Klarheit brauchen und auch klare Linien fahren und dazu gehört eben auch Abstand. Abstand ist eine enorme Hilfe um den Kopf freizukriegen und sachlich zu bleiben.

Am Anfang dieser Woche hab ich deutlich gespürt das ich soweit bin. Ich war soweit Luca gehen lassen zu können. Ihn gehen zu lassen in eine Situation, die ich nicht kenne und die ich nicht im geringsten einschätzen kann.

Ich will über dieses neue Leben meines Mannes – zumindest im Moment – nichts wissen. Aus reinem Selbstschutz. Es ist noch zu früh für mich ihm sein Glück wirklich gönnen zu können. 3 Monate sind dafür einfach zu wenig Zeit. Ich bin noch nicht bereit dazu. Punkt.

Wenn ich etwas aus seinem Leben wüsste, würde ich mit Sicherheit Vergleiche ziehen und mich mit Fragen quälen. Ich will aber meine Energie nicht darauf verwenden mich mit seinem neuen Leben zu beschäftigen. Es ist sein Leben und ich muss darüber nichts wissen. Ich vertraue einfach darauf zu wissen, dass es Luca bei ihm gut geht…mehr Informationen brauche ich nicht und Luca ist alt genug um sich eine eigene Meinung zu bilden und zu äußern, wenn ihm etwas nicht passt.

In den letzten Tagen habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die sich in ähnlichen Situationen befunden haben und die Ängste und Sorgen sind überall gleich. Ich kann aber nicht meine eigenen Ängste, Sorgen und Probleme zu denen meines Kindes machen. Es sind MEINE Ängste, Sorgen und Probleme und nicht die von Luca.

Als klar war, dass er diese Woche zum ersten Mal „dorthin“ fahren würde….war ich sehr viel gefasster, als ich es von mir erwartet hätte. Am Donnerstag hatte ich den ganzen Tag das Gefühl einen Kloß im Hals zu haben und das ich mich mal hinlegen und weinen müsste. Diesem Gefühl habe ich aber nicht nachgegeben.

Am Freitag war es dann soweit. Ich hab ihn zum Zug gebracht. Er war aufgeregt und ich wollte nicht das er das Gefühl hat, dass er jetzt eine traurige Mama daheim lässt. Denn so war es nicht. Ich hab mich auf ein „freies“ Wochenende gefreut. Ich habe nicht mal geweint am Bahnhof. In diesem Moment war mir einfach klar….es war richtig….genau JETZT war es richtig. Ich war soweit ihn „dorthin“ gehen zu lassen.

Als mein Mann im Dezember, überraschend, zu dieser Frau mit Kind zog….hätte ich Stein und Bein darauf geschworen, dass ich Luca niiiiiiiiiieeeeeemals zu ihm schicken würde. Das war einfach unvorstellbar für mich. Verlustangst spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Mein Mann hat den Umzugswagen nicht nach Leipzig, sondern eben „dorthin“ gelenkt. Ihn zu verlieren war noch zu verschmerzen, aber meinen Sohn zu verlieren? No way…..

Diese Situation lässt sich nicht steuern. Ich weiß nicht was passiert oder ob überhaupt etwas passiert. Und ich will mir keine Gedanken darüber machen. Am Ende kommt es eh so, wie es kommen soll. Davon bin ich überzeugt.

Ich bin auch nur ein Mensch. Eine Frau, deren Gefühle verletzt wurden. Natürlich gab es Wunschvorstellungen in meinem Kopf…davon bin auch nicht frei. Eine dieser Wunschvorstellungen war es, dass mein Sohn nach Hause kommt und die neue Lebenssituation, die neue Frau an der Seite meines Mannes, dieses Kind….voll scheiße findet.

Aber so wird es nicht sein. Kinder sind anpassungsfähiger und robuster als wir denken. Für Luca war es jetzt wichtig seinen Vater in der neuen Situation zu sehen. Außerdem ist es für ihn wichtig mit eigenen Augen zu sehen, dass tatsächlich so ist….das sein Vater eine andere Frau, als seine eigene Mama, an der Seite hat. Es war auch wichtig um die Hoffnung auf einen Neuanfang begraben zu können. Denn solange sein Vater immer wieder in unser Leben geplatzt ist, war es natürlich schwierig einen kompletten Abschluss finden zu können….auch das liegt in der Natur der Sache.

Ich will überhaupt nichts schön reden oder diese Patchworksituation, diese merkwürdige Patchworkfamilie, verherrlichen. Ich bin auch weit davon entfernt irgendwelche Vor- oder Nachteile hier aufzuzählen. Danach könnt Ihr mich mal in 2,3 Jahren fragen. Im Augenblick ist es einfach nur eine Situation. Eine Situation mit der ich umgehe.

Um damit umgehen zu können, habe ich mir meinen ganz persönlichen Wohlfühlrahmen gesteckt, der im Augenblick nicht durchbrochen werden darf. Ich will das es Luca gut geht und ich will das er eine schöne Zeit hat. ABER ich will darüber nichts wissen. Dafür ist es einfach noch zu früh…für mich. Wie toll, schön oder nett die andere Familie oder die Zeit mit ihnen ggf. ist, würde im Moment noch etwas mit mir machen. Es würde mich runterziehen. Ich sitze da – emotional –  einfach noch zwischen 2 Stühlen und es ist MEINE Art damit umgehen zu können. Solange ich mich auf mich konzentriere und darauf konzentriere, dass es MIR gut geht….solange schaffe ich eine Basis, dass es auch uns geht und wir ein gutes Leben miteinander haben. Ich beschäftige mich schlicht und ergreifend nicht mit Dingen, die mir nicht gut tun.

Ich bin davon überzeugt, dass dies der Schlüssel zum „Erfolg“ ist und das hat nichts damit zu tun, dass ich etwas ausblende. Wenn ich bei mir selber nicht hinschauen kann und Dinge, die schief laufen, nicht in Angriff nehme und einfach so weiter mache, dann blende ich etwas aus. Wenn ich aber bewusst die Entscheidung treffe, meine Energie nicht auf Dinge oder auch Menschen zu verschwenden, die mich negativ beeinflussen, dann ist das eine bewusste und in der Regel auch sehr gesunde Entscheidung. Der Kopf wird frei und mit Abstand lässt sich die Gesamtsituation wesentlich besser beurteilen und auch der Umgang damit wird ein anderer.

Ich bin, weiß Gott, keine Heilige. Ich bin auch niemand, der sich hier hinstellt, den Messias spielt und Euch sagt, wie Ihr ab jetzt Euer Leben in den Griff kriegt. Ich habe geschrien, getobt, Hemden zerrissen und meinen Mann mit Fleischsalatbrötchen beworfen. Ich habe ihm die Pest und großes Unglück an den Hals gewünscht. Ich habe geweint, hab mich selbst verraten, habe ihn zurückkommen lassen und mich selbst erniedrigt. Ich habe einfach alles gemacht, was man in solchen Situationen eben so macht. Und wenn ich den Erzählungen um mich herum Glauben schenken darf….dann ist das auch völlig normal! Und ist das nicht die coolste Erkenntnis überhaupt? Ich bin völlig normal!

Fast ein Jahr bin ich nun in Leipzig. Unfassbar. Es war nochmal ein langer und chaotischer Weg bis zu diesem Punkt. Aber es hat auch die Frau geformt, die ich aktuell bin. Und ich mag diese Frau und ich mag mein selbst bestimmtes Leben.

 

Was will Euch sagen?

 

Stellt Euch nicht in Frage!

Negative Gefühle in Extremsituationen sind völlig normal und da dürfen auch mal Gläser, Teller und Fleischsalatbrötchen fliegen. Es ist völlig ok die Taschentuchkonzerne zu unterstützen und die Telefonflatrate mit der besten Freundin auszureizen. Es ist auch völlig ok die neue Männerwelt auszuprobieren (oder eben umgekehrt). Es ist auch ok den neuen Partner vom Ex erstmal zu hassen. Das ist, zumindest aus meiner Sicht, ein völlig normaler Prozess. Er sollte nur irgendwann auch ein Ende finden.

Ich hatte gerade gut 2 Tage nur für mich. Ich hänge mit Kaffee im Bett und schreibe diesen Artikel für mich und auch für Euch. In der Küche herrscht Chaos…die Erdbeeren sind verschimmelt und die Mango hat auch schon bessere Tage gesehen. Meine Klamotten, meine Unterwäsche…liegen quer verstreut durch die Wohnung. Ich bin 40 (nur um es nochmal zu erwähnen). Ich fühle mich allerdings, wie mit Anfang 20. Ob ich „Besuch“ hatte….mmmmhhhh….DAS erzähle ich Euch – vielleicht – demnächst in meiner Ü40 Singlekolumne….vielleicht nenne ich die „Sex für alte Frauen“ oder so…..

Ihr seht also…das Leben geht weiter und gar nicht mal so schlecht.

Ich werde jetzt dieses Chaos mal beseitigen. Immerhin kommt das Kind ja wieder nach Hause und da lasse ich dann mal meine Vorbildfunktion die Oberhand gewinnen (funktioniert aber auch nicht immer).

Und Euch schicke ich nochmal mit dem super schlauen Zitat meiner Nichte in diesen Sonntag:

 

Du kannst nicht negativ denken und etwas Positives erwarten!

 

Ich drück Euch!

 

Eure Schnimpeline